Pfleger und Ärzte sitzen in einer Reihe

Das Magnet-Konzept: Anziehend für Pflegende & Patienten

Was steckt hinter dem Konzept der Magnet Hospitals?

Stellen Sie sich vor: Ihr Haus verfügt über ausreichend Pflegefachkräfte, die mit ihren Arbeitsbedingungen zufrieden sind und gerne zur Arbeit kommen. Sie bringen sich aktiv mit eigenen Ideen und ihrem Fachwissen ein, agieren eigenverantwortlich. Sie arbeiten auf Augenhöhe und respektvoll mit anderen Berufsgruppen zusammen. Sie engagieren sich in interdisziplinären Gremien, entwickeln sich fachlich und persönlich weiter. Von einer solchen Arbeitsatmosphäre profitiert in erster Linie die Pflege – die größte Berufsgruppe im Krankenhaus –  selbst. Spürbar ist ihre Zufriedenheit aber auch für die Kollegenschaft und bei den Patient:innen – was sich in überdurchschnittlich guten Behandlungsergebnissen zeigt.

 

Das klingt nach Utopie, oder? In Magnetkrankenhäusern ist das die gelebte Realität. Das übergeordnete Ziel des Magnet-Konzepts ist es, gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten zu schaffen und auf dieser Grundlage hervorragende Patientenversorgung zu leisten. 

In diesem Artikel möchten wir Sie mit dem amerikanischen Konzept sowie der Interventionsstudie Magnet4Europe vertraut machen und stellen Ihnen einige weiterführende Links zur Verfügung. Bei unserer Online-Veranstaltung am 22. September 2022 um 19.00 Uhr stellen wir den Praxisbezug her: Gemeinsam mit Frau Dr. Birgit Vogt, Direktorin für Patienten- und Pflegemanagement und Projektverantwortliche für die Teilnahme an der Magnet4Europe-Interventionsstudie am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, gehen wir der Frage nach, was das Erfolgsgeheimnis der Magnetkrankenhäuser ist und was das deutsche Gesundheitswesen von ihnen lernen kann. 

Schlagwörter aus dem Magnet-Modell
Schlagwörter aus dem Magnet-Modell

Das Magnet-Konzept: wie alles begann

In den 1980er-Jahren herrschte in den USA ein akuter Mangel an Pflegefachkräften und die Unzufriedenheit innerhalb dieser Berufsgruppe war sehr groß. Mit dem Ziel, diese frustrierende Situation besser zu verstehen, führte die American Academy of Nursing (AAN) Befragungen in Krankenhäusern in ganz Nordamerika durch. Das wenig überraschende Ergebnis: Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen sowie dem organisatorischen Umfeld und die zu hohe Arbeitsbelastung waren die Gründe, warum viele der Teilnehmer einen Arbeitgeberwechsel oder sogar Berufsaustritt in Betracht zogen. 

Im Zuge dieser Befragung zeigte sich aber auch, dass einige Krankenhäuser motivierte Mitarbeiter:innen hatten, die ihrem Arbeitgeber über viele Jahre erhalten blieben und darüber hinaus einen großen Patientenzulauf und bessere Versorgungsqualität vorweisen konnten. Dank einer Art „magnetischer Kraft“ konnten diese Kliniken Pflegepersonal nicht nur leicht gewinnen, sondern boten ein attraktives Arbeitsumfeld, in dem Krankenschwestern und Pfleger gerne langfristig arbeiteten. Diese Sogwirkung war namensgebend für den Begriff „Magnetkrankenhaus“. 

Die AAN identifizierte 14 Kriterien, die Magnetkrankenhäuser von anderen unterscheiden. Auf Basis dieser sogenannten Magnetkräfte wurde ein Modell für die praktische Anwendung entwickelt. Im Jahr 1990 wurde die Zertifizierungsstelle American Nurses Credentialing Center (ANCC) gegründet, die seither 591 Krankenhäusern weltweit im Rahmen des „Magnet Recognition Program“ das renommierte Qualitätssiegel verliehen hat. In Europa gibt es bisher zwei zertifizierte Krankenhäuser: das Antwerp University Hospital (seit 2017) und das Nottingham University City Hospital (seit 2020). 

Forschungsergebnisse aus knapp 40 Jahren belegen, dass die Implementierung des Magnet-Konzepts zu einer Verbesserung der Arbeitsumgebungen und -bedingungen führt, was in Folge die Personalzufriedenheit steigt und sich auch in Patientenergebnissen niederschlägt. Es schafft einen strukturellen und kulturellen Rahmen, von dem Beschäftigte wie Patienten gleichermaßen profitieren.  

Das Magnet-Modell: Magnetkomponenten und Magnetkräfte

Das sogenannte „Magnet Manual“ ist eine Art Anleitung, die Krankenhäuser durch den Implementierungsprozess begleitet. Das mehrmals überarbeitete und an die aktuellen Entwicklungen angepasste Handbuch erklärt das Magnet Model und die damit verbundenen Zertifizierungsanforderungen: es besteht aus 5 Magnetkomponenten, die auf den 14 originalen Magnetkräften (im Folgenden mit einem # gekennzeichnet) basieren.

 

Magnetkomponente Magnetkraft Beschreibung

Transformationale Führung

#1 Pflegerische Führung 
#3 Managementstil

Führungskräfte sind sich ihrer Vorbildfunktion bewusst, gehen mit beispielhaftem Handeln voran, sind präsent und zugänglich. Sie hören zu, stellen in Frage, machen Einfluss geltend, fordern und fördern Selbstständigkeit und Eigeninitiative. Sie kommunizieren ihre Vision für die Zukunft so, dass jeder seinen Anteil daran kennt, und schaffen die dafür notwendigen organisationalen Voraussetzungen.
Strukturelle Befähigung #2 Organisationsstruktur
#4 Personalpolitik/-programme
#10 Vernetzung mit Kommune
#12 Bild der Pflege
#14 Fachliche Weiterentwicklung
Stabile Strukturen und Prozesse, die Unternehmenskultur einer Klinik, ihr Leitbild, ihre Personalprogramme etc. bieten den Rahmen für ein innovatives Umfeld. Magnetkrankenhäuser zeichnen sich durch flache Hierarchien und kurze Entscheidungsprozesse aus, interprofessionelle Kommunikation und Zusammenarbeit finden auf Augenhöhe statt. Mit gezielten Entwicklungsprogrammen wird die Professionalisierung der Pflege aktiv gefördert.

Exemplarische professionelle Praxis

#5 Pflegemodelle
#8 Interne & externe Ressourcen
#9 Autonomie
#11 Pflegende als Lehrende
#13 Interdisziplinäre Beziehung

 

Die vorbildhafte Pflegepraxis von Magnetkrankenhäusern basiert auf einem umfänglichen Verständnis für die Rolle der Pflege an sich, den damit verbundenen Aufgaben sowie ihrer Ausführung mit Patient:innen und in interdisziplinären Teams. Evidenz-basierte Pflegemodelle und -standards bilden die Grundlage des täglichen Handelns. Pflegende verfügen über eigene Verantwortungsbereiche und bilden sich entsprechend weiter.
Neues Wissen, Innovationen und Verbesserungen #7 Qualitätsverbesserung Magnetkrankenhäuser tragen eine ethische und professionelle Verantwortung für ihr Haus und ihren Berufsstand im Sinne von neuem Fachwissen, Innovation und Verbesserung. Das erfordert die Etablierung von Strukturen, die die Berufsausübung nach neuestenneusten wissenschaftlichen Erkenntnissen und die Generierung von evidenzbasiertem Wissen ermöglichen. Pflegende spielen eine aktive Rolle im Qualitäts-, Fehler- und Beschwerdemanagement.

Empirische Ergebnisse

#6 Pflegequalität

 

Neben starken Strukturen und Prozessen ist vor allem der Unterschied zentral, den das Redesign der Organisation erzielt. Gemessen werden hierfür Veränderungen klinischer Ergebnisse und solche die Belegschaft betreffend. Diese empirischen Daten müssen sowohl einer internen Qualitätsprüfung als auch dem Benchmarking mit anderen Kliniken standhalten und sind die Grundlage kontinuierlicher Verbesserung.

Die Interventionsstudie Magnet4Europe

Unter dem Namen Magnet4Europe führt die University of Pennsylvania eine Interventionsstudie an 60 Kliniken in 6 europäischen Ländern durch. Die von der europäischen Union geförderte Studie begann im Januar 2020 und endet im Dezember 2023. In Deutschland nehmen 20 Kliniken teil, koordiniert wird das Projekt vom Fachbereich Management im Gesundheitswesen der Technischen Universität Berlin.

Im Studienverlauf wird das Magnet-Konzept in den teilnehmenden Kliniken implementiert und die damit einhergehenden Auswirkungen der Veränderungen im Arbeitsumfeld werden evaluiert. Das übergeordnete Ziel ist die Verbesserung der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens für Gesundheitspersonal sowie die Steigerung von Pflegequalität und Patientenzufriedenheit. Außerdem soll die Studie Erkenntnisse über die Umsetzbarkeit und Übertragbarkeit des Magnet-Konzepts auf das europäische Gesundheitswesen liefern.

Jedes teilnehmende Krankenhaus startete mit einer Lückenanalyse, einer sogenannten Gap-Analysis, die die individuellen Entwicklungspotenziale anhand der Magnet-Prinzipien aufzeigt.  

Weiterhin umfasst das Programm:

  • Jeder Studienteilnehmer hat einen „Twinning-Partner“: Ein US-amerikanisches Krankenhaus, das den Magnet-Status seit mindestens 10 Jahren innehat, fungiert als Begleiter und Sparring Partner für die Studienteilnehmer in Europa. Diese Begleitung erfolgt in monatlichen Videokonferenzen und – sofern pandemiebedingt möglich – halbjährlichen Besuchen. 
  • Alle Teilnehmer treffen sich in regelmäßigen Lerngruppen, den „Learning Collaboratives“, um den Fortschritt der Studie und Erfahrungen zu teilen. Wiederum pandemiebedingt fanden bisher die meisten Treffen virtuell statt, im Juni 2022 konnten sich 200 Delegierte in Irland erstmals persönlich austauschen. 
  • Zudem nehmen pflegerische und ärztliche Mitarbeiter sowie Patienten an Befragungen und Interviews teil. So werden Zufriedenheit, Wohlbefinden, Patientenergebnisse etc. im Zeitverlauf gemessen und die Herausforderungen sowie Erfolge des Implementierungsprozess dokumentiert. 

Weiterführende Informationen

Mehr Informationen und Neuigkeiten zu Magnet4Europe finden Sie auf der Website zur Studie sowie der TU Berlin

Das Magnet-Konzept als Orientierungshilfe

Das Magnet-Konzept als Ganzes ist sehr umfassend und konsequent, denn es setzt auf unterschiedlichen Ebenen der Organisation an. Dabei stößt es Veränderungen in vielen Bereichen an, die hierzulande schon lange im Rahmen des Fachkräftemangels diskutiert werden: Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen, Führungs- und Personalentwicklungsthemen, Stellenwert und Image des Pflegeberufs und viele mehr. Das macht das Modell zu einer guten Orientierungshilfe für Krankenhäuser, die sich entschlossen weiterentwickeln und als Einrichtungen auf Weltniveau positionieren wollen. 

Jedoch ist das amerikanische Konzept nicht 1:1 auf das deutsche Gesundheitswesen anwendbar. Zu unterschiedlich sind Ausbildungswege, die Rolle der Pflege, die Verfügbarkeit von Daten und rechtliche Rahmenbedingungen auf beiden Seiten des Atlantiks. In Anbetracht des Zustands unseres deutschen Gesundheitssystems  spricht jedoch vieles dafür, sich mit dem amerikanischen Erfolgsmodell auseinanderzusetzen.

Und genau das wollen wir tun! Gemeinsam mit Dr. Birgit Vogt vom UKE in Hamburg befassen wir uns bei unserem MediRocket Expertengespräch am 22.09.22 um 19.00 Uhr (online) eingehend mit den Möglichkeiten und Grenzen des Magnet-Konzepts. Seien Sie dabei – wir freuen uns auf Sie und Ihre Teilnahme! 
 

 

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