Ärzte und Pfleger besprechen sich

Verfasst von Laura Hörner. 

Das Regensburger Modell: Gemeinsam ans Ziel

So verbessert das interprofessionelle Konzept die Arbeit im Krankenhaus

Miteinander statt nebeneinander: Das ist das Motto des Regensburger Modells, welches zu einer besseren Zusammenarbeit zwischen Pflegekräften und anderen medizinischen Fachkräften führen soll. Diese kooperieren nämlich in der Praxis oftmals einfach zu wenig miteinander – worunter sowohl die Effizienz und die Arbeitsatmosphäre als auch die Versorgung der Patient:innen leiden. Wir erklären dir hier, was das Regensburger Modell ist, wie es entstanden ist und welche Ziele es verfolgt.

Was ist das Regensburger Modell und wie funktioniert es?

Bei dem Regensburger Modell handelt es sich – einfach gesagt – um eine interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen dem medizinischen und dem pflegerischen Personal in Krankenhäusern oder anderen Einrichtungen. Das bedeutet, dass die unterschiedlichen Berufsgruppen im Alltag zusammenarbeiten und dieselben Ziele verfolgen. Um das zu ermöglichen, haben die Expertinnen Prof. Dr. Martina Müller-Schilling, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin, und Anna Mahnke, Diplom-Pflegewirtin und Pflegedienstleiterin der Universitätsklinik Regensburg, 2016 ein Konzept erarbeitet, welches die Vernetzung und Kommunikation unter den Mitarbeiter:innen verbessern soll. Aber wie sieht das Ganze in der Praxis aus?

Die Basis des Regensburger Modells im Krankenhaus bildet eine gemeinsame Ausbildung von Pflegekräften und Ärzt:innen. So lernen beide Berufsgruppen mehrere Wochen lang zusammen und erfahren so mehr über die Arbeit des jeweils anderen. Auf diese Weise wird einerseits das fachliche Wissen erweitert, andererseits auch das gegenseitige Verständnis und die Wertschätzung für die Kolleg:innen gefördert. Wortwörtlich in die Schuhe des anderen zu steigen, gehört zum Regensburger Modell dazu: So arbeiten zum Beispiel neue Ärzt:innen zu Beginn ihrer Beschäftigung im Krankenhaus erst einmal zwei Tage lang in der Pflege und begleiten eine erfahrene Pflegekraft, um deren Prozesse zu beobachten. Nicht nur auf den Arbeitsalltag beschränkt sich der interprofessionelle Ansatz - an der Uniklinik werden auch die Forschung, die Lehre und das Management gemeinsam betrieben. 

Der gemeinsame Austausch steht im Zentrum des Regensburger Modells

Neben der gemeinsamen Ausbildung von Pflegekräften und anderen medizinischen Fachkräften spielen noch weitere Aspekte eine wichtige Rolle im Regensburger Modell. Einer davon ist die synchrone Schicht aller Fachkräfte. Sowohl Pflegekräfte und Ärzt:innen als zum Beispiel auch Therapeut:innen sind also alle dabei bei der Schichtübergabe und können so besser zusammenarbeiten – auch Visiten werden so organisiert, dass alle beteiligten Fachkräfte zur selben Zeit anwesend sein können. Zusätzlich finden weitere Teambesprechungen statt: Alle Beteiligten treffen sich berufsübergreifend zu Fallbesprechungen, Morbiditätskonferenzen, Ethikbesprechungen und gemeinsamen Time-Outs. Ziel ist ein gemeinsamer Austausch nicht nur über konkrete Fälle, sondern auch über grundlegende Themen. 

Durch diese gemeinsamen Besprechungen bleiben die Mitarbeiter:innen über den aktuellen Stand der Behandlungen informiert und lernen gleichzeitig mehr über Themen, die eigentlich nicht zu ihrem Tätigkeitsbereich gehören. Dies wiederum kann die fachliche Kompetenz aller Beteiligten deutlich steigern.

Diese Ziele verfolgt das Regensburger Modell im Krankenhaus

Wird das Regensburger Modell im Krankenhaus angewandt, dann kann damit eine ganze Reihe an Problemen angegangen werden. Selbstverständlich verschwinden nicht über Nacht alle Konflikte und Unstimmigkeiten – an vielen Stellen kann die Herangehensweise jedoch zu positiven Umgestaltungen führen. So verbessert sich zum einen die Versorgung der Patient:innen: Durch eine bessere Absprache und Kommunikation weiß jeder genau, was der andere tut – und das über mehrere Hierarchieebenen hinweg. So können Behandlungen besser aufeinander abgestimmt werden. In dieser Hinsicht profitiert auch das Krankenhaus vom Regensburger Modell: Eine bessere und effizientere Behandlung bedeutet auch kürzere Liegezeiten und dadurch geringere Kosten pro Patient:in. 

Auf die Erfahrung der Patient:innen hat das Modell ebenfalls eine positive Wirkung. Diese können von Ärzt:innen, Pflegekräften und anderen Fachkräften besser informiert und beraten werden, da diese selbst ein umfassenderes Bild von der Behandlung erhalten und wissen, welche Rollen und Pläne alle Beteiligten in der Therapie haben. 
Nicht zuletzt verbessert sich durch das Regensburger Modell die Arbeitsatmosphäre. Viele medizinische Fachkräfte machen die Erfahrung, dass in der Zusammenarbeit oftmals ungewollt eine Hierarchie entsteht – zum Beispiel zwischen Ärzt:innen und Pflegekräften. Diese Entwicklung ist jedoch kontraproduktiv, schließlich handelt es sich um unterschiedliche Berufsbilder und Ärzt:innen stehen keineswegs über Pflegekräften. Stattdessen sollen sich beide Berufsgruppen in ihrer Arbeit ergänzen. Das Regensburger Modell ermöglicht eine neue Wertschätzungskultur, die auf einer besseren Kommunikation und mehr gegenseitigem Verständnis aufbaut. Dadurch sind die Mitarbeiter:innen motivierter, selbstbewusster in ihren Rollen und finden letztendlich auch mehr Sinn in ihrer Arbeit. 

Das halten medizinische Fachkräfte vom Regensburger Modell

Richtig angewandt können von der Einrichtung über die Patient:innen bis hin zu den Pflegekräften alle von dem Regensburger Modell profitieren. In einem Interview erzählen die beiden Initiatorinnen von den Erfahrungen, die sie mit dem Modell gemacht und dem Feedback, das sie bekommen haben. So berichten sie davon, sehr gute Rückmeldungen von Auszubildenden und Studierenden erhalten zu haben. „95% der Auszubildenden der Pflege und 100% der Studierenden fühlen sich im Anschluss nach dem A-STAR-Einsatz [Ausbildungsstation Regensburg] fähig, eine Patientengruppe umfassend zu versorgen – sowohl menschlich wie auch fachlich“, erzählt Prof. Dr. Müller-Schilling. Ebenso wenig gab es Probleme, Ärzt:innen von „Schnuppertagen“ in der Pflege zu überzeugen: Diese nahmen die Maßnahme allesamt positiv auf. 

Das Regensburger Modell verspricht nicht nur eine bessere Zusammenarbeit mehrerer medizinischer Berufsgruppen, sondern konnte auch in der Praxis beweisen, dass es sich aus wirtschaftlicher Sicht lohnen kann: An der Uniklinik Regensburg führe die Umsetzung des neuen Modells zu einer höheren Nachfrage und einem höheren Schweregrad der Erkrankungen von Patient:innen. Da die Kosten für die Behandlungen fast gleich blieben, konnte die Klinik so ihre Erlöse steigern. Nicht vernachlässigt werden sollte jedoch, dass die Umstellung auf ein neues Modell viel Arbeit, Energie und Überzeugungskraft bedarf. Die neuen Strukturen müssen erst einmal aufgebaut und alle Mitarbeiter:innen an Bord geholt werden. Die Erfahrung sagt jedoch: Es lohnt sich!