Ein Mikrofon wird gehalten

"Die Pflege ist ein Beruf mit viel Verantwortung"

Pflege Influencerin "Doktorschwester" im Interview bei MediRocket

Als "Doktorschwester" schreibt die Gesundheits- und Krankenpflegerin Leonie über ihren Alltag in der Pflege und ihren Weg durchs Medizinstudium. Sie lässt ihr Follower:innen an ihren Erfahrungen teilhaben, spricht über die Hürden ihres Berufs und Studiums und beantwortet auch die Fragen ihrer zahlreichen Abonennt:innen. Das Besondere an ihrem Instagram Kanal: Ihr Gesicht haben wir noch nie gesehen! Leonie setzt auf Inhalte statt auf Selfies. Heute ist sie zu Gast im MediRocket Interview und verrät uns, was sie dazu motiviert, im Gesundheitssektor zu arbeiten, spricht über Vor- und Nachteile eines Springerpools und darüber, was sich in der Pflege verändern muss.

"Doktorschwester" Leonie im Interview mit MediRocket

 

Du hast deinen Instagram Channel "Dokorschwester" im März 2018 gestartet. Welches Ziel hast du damit damals verfolgt?

Ich habe in der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gerne andere Accounts verfolgt, die über Umwege ins Medizinstudium gekommen sind. Es hat mich motiviert zu sehen, dass man das Studium auch schaffen kann ohne Abi von 1,0 – nach Ausbildung und Wartezeit.
Als ich dann selbst meinen Studienplatz hatte, wollte ich das auch machen: andere motivieren und zeigen, dass es sich lohnt für das Studium zu kämpfen. Außerdem habe ich immer gerne in der Pflege gearbeitet und freue mich, meine Erfahrungen auf dem Account zu teilen und dem Beruf eine Plattform bieten zu können. Deswegen auch der Name „Doktorschwester“.

 

Auf deinen Fotos auf Instagram zeigst du nie dein Gesicht. Warum hast du dich dafür entschieden, “anonym” zu bleiben?

Mein Gesicht spielt eigentlich keine Rolle für das, was ich mit meinem Account ausdrücken will. Es geht mir vor allem um meine Inhalte und weniger um mich persönlich. Außerdem gibt es ja auch Leute denen meine Inhalte nicht gefallen, ganz aktuell z.B. Querdenker. Dementsprechend fühle ich mich wohler, wenn ich anonym bin und keine unnötige Angriffsfläche biete.

 

"Doktorschwester" Leonie
"Doktorschwester" Leonie

Du erwähnst häufiger, dass du dich immer wieder für die Ausbildung als Krankenschwester entscheiden würdest, auch wenn du nun angehende Ärztin bist. Glaubt man aktuellen Berichten rund um die Pflege, sehen das leider viele das anders. Was macht der Beruf für dich aus und warum liebst du ihn so sehr?

Um es zusammenzufassen: Die Nähe zu den Patient:innen. In der Pflege ist man der erste Ansprechpartner und verbringt die meiste Zeit am Patientenbett. Es ist eine große Ehre so viele Einzelschicksale begleiten zu dürfen und die Menschen in ihren intimsten Momenten beistehen zu können, sei es in lebensbedrohlichen Situationen oder auch bei der täglichen Körperpflege. Die Dankbarkeit und das Vertrauen geben einem so viel und motivieren ungemein.

 

Leute wie du tragen dazu bei, das Bild der Pflege positiver zu zeichnen und zeigen, dass die Arbeit in der Pflege auch sehr schöne Momente bereithält. Mittlerweile hast du fast 10.000 Follower. Hat das etwas in dir bzw. in der Art, wie du den Kanal nutzt, verändert? Fühlst du auf eine Art und Weise “Verantwortung”? 

Ich freue mich total, dass so viele Leute Interesse an meinen Inhalten haben. Das motiviert mich auch, den Kanal weiterzuentwickeln. Es ist natürlich so, dass ich mich persönlich auch entwickle und die Rollen nach und nach immer mehr tausche. Damit meine ich konkret, ich fühle mich auch immer mehr der Rolle der Ärztin zugehörig und ein bisschen weniger der Pflege. Manchmal finde ich das schade, da es mir wichtig ist nach wie vor zu vermitteln, dass die Pflege ein schöner und wichtiger Beruf ist. Natürlich kann ich das weniger authentisch, wenn ich schon bald in einem anderen Beruf arbeite. Trotzdem werde ich mich ein Stück weit immer mit der Pflege identifizieren und ein besonderes Verhältnis zu ihr haben als andere ärztliche Kolleg:innen. Diese gefühlte „Verantwortung“ beiden Berufen gerecht zu werden und nicht zu vermitteln, dass das eine besser ist als das andere ist mir wichtig und manchmal nicht ganz so leicht. Auch wenn ich langfristig nicht mehr in der Pflege arbeite, habe ich doch viel in dieser Branche gelernt und erfahren, was ich gerne weiterhin teilen möchte.

 

Studium, Arbeit in der Pflege, Instagram – es scheint, als hättest du sehr viel zu tun. Was ist dein Ausgleich zum stressigen Alltag?

Zeit mit meinem Freund, meinen Freund:innen und der Familie. Das ist das was mir am meisten Kraft gibt. Und - auch wenn es abgedroschen klingt – macht mir trotz stressigen Phasen das alles (Studium, Arbeit, Instagram) großen Spaß. 

Es ist eine große Ehre so viele Einzelschicksale begleiten zu dürfen und die Menschen in ihren intimsten Momenten beistehen zu können (...). Die Dankbarkeit und das Vertrauen geben einem so viel und motivieren ungemein.

Seit du neben deinem Studium in der Pflege arbeitest, bist du in einem Springerpool. Mittlerweile konntest du viele Fachbereiche kennenlernen. Was fasziniert dich dabei am meisten?

Es erfordert viel Flexibilität und lockt mich – als Gewohnheitstier –  immer wieder aus der Komfortzone. Jeder Dienst ein anderer Fachbereich, ein anderes Team, neue Patient:innen. Das ist natürlich aufregend, ich lerne immer wieder was Neues dazu und sammle wertvolle Erfahrungen. Auch gerade für mein Studium profitiere ich durch die Einblicke in viele verschiedene Fachgebiete.


Wie funktioniert der Springerpool und wo siehst du die Vorteile? 

Die Stationen melden, wenn sie akuten Personalmangel haben und dann werden die an diesem Tag zur Verfügung stehenden Pool-Kräfte den Stationen zugeteilt. Somit ist man selten zusätzlich da, sondern eben als Ersatzkraft und ist fest eingeplant im Stationsalltag.
Der größte Vorteil: ich gebe selbst meine Dienste an. Ich entscheide also, wann ich arbeite und wann nicht. Somit kann ich z.B. in Klausurenphasen weniger arbeiten und dafür dann davor oder danach etwas mehr. Außerdem kann man wirklich viel lernen und wird nicht zum „Fachidioten“, da man sich immer wieder auf neue Stationen und Krankheitsbilder einstellen muss. Das bringt natürlich viel für die persönliche Kompetenz und Entwicklung.

 

Und was sind die Nachteile des Springerpools?

Das ist ein bisschen Typ-abhängig. Mir persönlich fehlt es manchmal fest zu einem Team dazuzugehören und natürlich ist es auch anstrengend jeden Dienst „ins kalte Wasser“ geschmissen zu werden und sich dem Fachgebiet und den neuen Kolleg:innen anzupassen.

 

Durch deine Arbeit im Pflegepool hilfst du also immer dort aus, wo es gerade brennt – so bekommst so den Fachkräftemangel hautnah mit. Wo erlebst du den größten Notstand?

Schwierig pauschal zu beantworten, da das in jedem Krankenhaus etwas anders aussieht. Also kann ich jetzt nicht sagen, dieser oder jener Fachbereich ist allgemein am schlechtesten besetzt. Genau das ist leider das Problem: das Personal fehlt überall. Allein die Tatsache, dass ich in meiner Zeit im Pflegepool auf fast jeder Station schon mindestens einmal ausgeholfen habe, zeigt genau das. Es gibt meist sowieso schon wenig Stammpersonal und somit ist jeder Personalausfall (z.B. wenn jemand krank ist oder schwanger wird) schwer zu kompensieren. Es gibt einfach keine Reserven – selbst wenn alle da sind ist es meist schon eng, weil sowieso schon viele Stellen nicht besetzt werden können. Das ist leider in der vielen Häusern so, also kein lokales Problem.

Wie kann ein Arbeitgeber dich unterstützen?

Informiere dich hier über verschiedene Einrichtungen und wie sich dich mit Weiterbildungen, in gesundheitlichen Themen oder im Privatleben unterstützen können:

→ Pflegeeinrichtungen & Kliniken in Berlin

→ Pflegeeinrichtungen & Kliniken im Rheinland

→ Pflegeeinrichtungen & Kliniken in München

→ Pflegeeinrichtungen & Kliniken deutschlandweit

Kann der Springerpool eine Lösung für fehlende bzw. ausfallende Pflegekräfte sein?

Jein. Man kann definitiv akuten Personalmangel ausgleichen. Man hat die Ausbildung und Kompetenz um Patient:innen zu versorgen und „den Laden am Laufen zu halten“. Trotzdem ist es doch am besten – für alle Beteiligten – wenn man ein gut eingearbeitetes und funktionierendes Pflegeteam hat. Ich komme in meinen Diensten auf Station und bin natürlich nicht richtig eingearbeitet und muss jedes Mal fragen, wo ich was finde und wie auf dieser speziellen Station welche Situation gehandhabt wird.

 

Was müsste deiner Meinung nach, am dringendsten getan werden, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken und die Situation in der Pflege zu verbessern?

Die Attraktivität des Berufes steigern und alles geben, um Nachwuchs zu generieren, sowie die bereits vorhandenen Fachkräfte zu halten. 

Zu viele leere Versprechungen der Politik treiben erfahrene Kräfte in den „Pflexit“! Bestes Beispiel Corona-Bonus, dieser wurde seit Anfang der Pandemie ständig groß angekündigt und wo bleibt er? Es wurde geklatscht und dann doch wieder schnell alles vergessen. Leute in Bürojobs bekamen den Bonus, wegen der „Unannehmlichkeiten im Homeoffice“, ich habe viele Bekannte, die davon berichtet haben. Aber die Pflege, die nunmal wirklich hautnah dran ist und das System am laufen hält, viel später und oft auch weniger. Das fühlt sich doch einfach nur an wie ein Schlag ins Gesicht.

 

Wie kann die Pflege deiner Meinung nach zukunftsfähig aufgestellt werden und für junge Leute wieder attraktiver werden? 

Ganz einfach: Bezahlung steigern! Die Pflege ist ein Beruf mit viel Verantwortung, Gefahren  – ganz aktuell natürlich Infektionsrisiko – , emotional fordernd und sehr anstrengend durch den Schichtdienst. Warum wird sie dann nicht angemessen honoriert wie in anderen europäischen Ländern? Warum verdient man im Büro besser? Das ist für mich einfach nicht verhältnismäßig. Alle reden über über Herzblut und persönliche Erfüllung, aber das ist kein ausreichender Lohn. Wenn man professionelle Pflege betreibt, sich fortbildet und bemüht, gehört man besser bezahlt.

Was die sonstige Attraktivität angeht, versuche ich auch auf meinem Account aktiv mit Vorurteilen aufzuräumen. Ganz klassisch: „Das ist doch nur Po abputzen“ oder „Pflege dient nur als Assistenz für die Ärztin:innen und können selbst wenig vorweisen”. Ich habe tatsächlich schon öfter Nachrichten bekommen, das sich Menschen durch meine Inhalte motiviert gefühlt haben in die Pflege zu gehen. Das macht mich wirklich sehr stolz. Und glücklicherweise passiert das auch zukünftig öfter, es gibt immer mehr Accounts die Einblicke in den Beruf geben und sich für mehr Wertschätzung stark machen. Ich denke das ist auch ein wichtiger Schritt um die Attraktivität und die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für diesen Beruf zu schaffen.

Es ist toll, dass Leute wie du mit Vorurteilen und Klischees, die viele Menschen noch im Kopf haben, aufräumen. Du trägst dazu bei, ein realistisches Bild der Pflege zu zeichnen, mit all ihren positiven und negativen Seiten. Genau diese Aufmerksamkeit braucht die Pflege heute, damit es in Zukunft wieder mehr Fachkräfte in die Pflege zieht.


Vielen Dank für deine Zeit und die spannenden Einblicke!