Ein männlicher Pfleger steht im Vordergrund vor anderen medizinischen Angestellten

Verfasst von Sarah Derkaoui. Veröffentlicht am 27.01.2022.

Primary Nursing & Bezugspflege einfach erklärt!

Was ist Primary Nursing und wo liegen die Vor- & Nachteile des Pflegekonzepts?

Sowohl Primary Nursing als auch Bezugspflege sind Pflegesysteme, bei denen die Bedürfnisse der Patienten und Patientinnen im Mittelpunkt stehen. In diesem Artikel liest du, was mit den beiden Konzepten gemeint ist, worin sie sich unterscheiden und was das jeweils für den Arbeitsalltag als Pflegekraft bedeutet. Außerdem beschäftigen wir uns mit den Voraussetzungen, die du mitbringen solltest, um Primary Nurse zu werden.

Definition von Primary Nursing & Bezugspflege 

Beginnen wir mit der Definition von Primary Nursing. Es handelt sich um ein Pflegesystem, das sich von der Aufnahme bis zur Entlassung des Patienten ganzheitlich an dessen Bedürfnissen orientiert.

  • Eine sogenannte Primary Nurse ist während des gesamten stationären Aufenthalts erster Ansprechpartner für den Patienten oder die Patientin
  • Sie koordiniert eigenverantwortlich dessen Pflegeplan
  • Eine Associate Nurse vertritt sie, falls nötig 

Das Konzept wurde Ende der 1960er Jahre von der Amerikanerin Marie Manthey entwickelt. In einer Universitätsklinik in Minneapolis wurde das Modell erstmals in die Praxis umgesetzt. 

Die Bezugspflege ist ein weiteres patientenorientiertes System der Pflegeorganisation. Ähnlich wie beim Primary Nursing steht das Ziel einer ganzheitlichen, am Menschen orientierten Pflege im Vordergrund. Auch in diesem Konzept sind bestimmte Pflegepersonen für den jeweiligen Patienten zuständig. 

Der Hauptunterschied zum Primary Nursing besteht darin, dass die Bezugspflege meist schichtorientiert ist. Somit bleiben die zuständigen Bezugspersonen häufig nicht während des gesamten Aufenthalts dieselbe. Stattdessen wird die Verantwortung für eine Patientengruppe jeweils auf ein Bezugspflege-Team aufgeteilt, das aus mehreren Personen besteht. 

Aktuelle Jobs für Pflegekräfte

Primary Nursing: Wo wird es eingesetzt?

Ein Kernaspekt des Primary Nursing ist, dass eine qualifizierte Pflegefachkraft die Verantwortung für die Qualität der am Patienten erbrachten Pflege während seines gesamten Aufenthalts übernimmt. 

Diese Verantwortung wird auch bei Schichtwechsel nicht übertragen. Bei Abwesenheit der Primary Nurse wird die von ihr erstellte Pflegeplanung verpflichtend von der Associate Nurse umgesetzt. 

Einerseits liegen in dieser Vorgehensweise viele Vorteile für eine enge Pflegebeziehung zum Patienten oder der Patientin, andererseits ist dafür ein hoher Personalschlüssel notwendig, der in vielen Einrichtungen aktuell nicht umsetzungsfähig ist. Der hohe Personalbedarf ist ein Grund für die relativ geringe Verbreitung des Primary Nursing in Deutschland. Aktuell wird das Konzept daher nur in wenigen, meist kleinen Einrichtungen praktiziert.

Dazu gehören sowohl Krankenhäuser, als auch Altenheime (vor allem mit Demenzpatienten) und psychiatrische Einrichtungen. 

Funktionspflege & Bereichspflege: Was macht diese Pflegeorganisationssysteme aus?

Zwei weitere, weit verbreitete Pflegesysteme sind die patientenorientierte Bereichspflege sowie die tätigkeitsbezogene Funktionspflege. 

Merkmale der Bereichspflege:

  • Basiert auf der Einteilung von Pflegeeinheiten in feste Gruppen oder Bereiche
  • Durch die Stationsleitung werden Pflegekräfte bestimmten Bereichen zugeteilt
  • Die Zuteilung erfolgt entweder anhand von Patientengruppen (Gruppenpflege) oder anhand von Zimmern (Zimmerpflege)
  • Die Zuständigkeit für die jeweiligen Patienten liegt bei der immer gleichen Personengruppe, was Bindung und Vertrauen zur Pflegefachkraft positiv beeinflussen kann

Merkmale der Funktionspflege:

  • Im Vordergrund steht die Optimierung von Arbeitsabläufen
  • Anfallende Pflegetätigkeiten werden in wiederkehrende Aufgaben unterteilt, die von verschiedenen Personen ausgeführt werden können
  • Der Einsatz der Pflegekräfte erfolgt jeweils abhängig von den individuellen Qualifikationen
  • Arbeitsprozesse können effizienter, sowie womöglich kosten- und personalsparender durchgeführt werden, da eine Pflegefachkraft sich um mehrere Patienten kümmert

Arbeitsalltag: So läuft Bezugspflege ab

Eine gemeinsame Vertrauensbasis, die Übernahme von Verantwortung und das Gefühl, ganzheitlich für eine hilfsbedürftige Person da sein zu können, machen die Tätigkeit in der Bezugspflege aus. Doch wie läuft Bezugspflege ab und wie unterscheidet sich der Arbeitsalltag von anderen Pflegeformen?

  • Der Erstkontakt zwischen der Pflegefachperson und dem Patienten beginnt mit der Fallzuteilung der neu aufgenommen Patient:innen
  • Im Anschluss steht die Planung des Pflegeprozesses, sowie dessen Dokumentation im Vordergrund
  • Auch die Koordinierung mit weiteren Akteuren im Behandlungsteam ist eine wichtige Aufgabe, die in der Bezugspflege von der zuständigen Pflegeperson übernommen wird
  • Mündliche und schriftliche Kommunikation (sowohl mit Patient:innen, als auch mit dem Behandlungsteam) stellt die Informationsversorgung auf allen Seiten sicher, dazu gehört außerdem die Rechenschaftspflicht gegenüber den Vorgesetzten
  • Hinzu kommt im Arbeitsalltag die Teilnahme an Visiten, Übergaben und Fallbesprechungen, die den Patienten oder die Patientin betreffen

  
Die Aufgaben, die bei dieser Form von patientenorientierter Pflege von der zuständigen Pflegeperson übernommen werden, sind vielfältig. Für die Patient:innen liegen die Vorteile klar auf der Hand: Sie wissen, an wen sie sich wenden können und fühlen sich im Idealfall gut aufgehoben. Doch wie funktioniert dieses Modell aufseiten der Pflegenden? Wir sehen uns die Vor- und Nachteile der Bezugspflege für Pflegekräfte einmal genauer an.

Vor- und Nachteile von Primary Nursing

Im Primary Nursing als einer Sonderform der Bezugspflege liegt der Fokus auf einer engen Beziehung zwischen Pflegebedürftigen und der zuständigen Pflegefachkraft. In unserer Übersicht beantworten wir die Frage, welche Vor- und Nachteile sich daraus für eine Tätigkeit als Primary Nurse ergeben.
 

Vorteile von Primary Nursing Nachteile von Primary Nursing
Größtenteils eigenverantwortliches Handeln und Aufwertung der pflegerischen Tätigkeit Hohe Verantwortung kann belastend sein
Vertrauensvolle Beziehung und Bindung zwischen Pflegekraft und Patient:innen Wahrung der professionellen Distanz in manchen Fällen evtl. schwierig, höhere emotionale Belastung
Primary Nurse als Schlüsselfigur sorgt für erleichterte Kommunikation zwischen allen am Pflegeprozess Beteiligten Viele Zuständigkeitsbereiche und hoher Koordinationsbedarf erschweren einen eventuellen Wechsel der Primary Nurse
Selbstständige Erstellung eines ganzheitlich orientierten, passenden Pflegeplans Rechenschaftspflicht für Pflegeentscheidungen erfordert eine stetige Weiterbildung in Pflegefragen

 

Während Patient:innen vom Konzept des Primary Nursing vor allem durch eine erleichterte Orientierung in Krankenhaus bzw. Pflege profitieren, birgt der Ansatz für den Arbeitsalltag von Pflegefachpersonen sowohl Vor- als auch Nachteile. Ob das Tätigkeitsfeld einer Primary Nurse für dich infrage kommt, hängt zu einem großen Teil davon ab, ob du gerne mehr Eigenverantwortung in verschiedenen Zuständigkeitsbereichen übernehmen möchtest.

Qualifizierung zur Primary Nurse: Das sind die Voraussetzungen

Das Pflegesystem des Primary Nursing steckt in Deutschland sprichwörtlich noch in den Kinderschuhen. Für die Qualifizierung zur Primary Nurse bedeutet das: Die Regelungen für eine Weiterbildung zur Primary Nurse werden von verschiedenen Einrichtungen unterschiedlich gehandhabt. 

So bietet etwa das Düsseldorfer Florence-Nightingale-Krankenhaus eine modularisierte, berufsbegleitende Weiterbildung zur Primary Nurse an. Bei kleineren, privaten Trägern sind Kompetenztrainings oder kurze Fortbildungseinheiten verbreitet.

Primary Nursing umfasst ein großes Aufgabenspektrum und geht mit einer hohen Verantwortung einher. Folgende Qualifikationen sollte eine als Primary Nurse eingesetzte Pflegefachkraft deshalb idealerweise erfüllen:

  • Staatsexamen in einem anerkannten Pflegeberuf (Gesundheits- und Krankenpflege, Altenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege)
  • Mindestens zweijährige Berufserfahrung oder Bachelorstudium

Gerade, weil die Koordination, Steuerung und Abstimmung von Versorgungsprozessen einen wichtigen Aspekt der Tätigkeit als Primary Nurse darstellt, ist eine längere Betriebszugehörigkeit zudem häufig sinnvoll. 

Fazit: Primary Nursing kann die Pflegequalität verbessern

Primary Nursing als Sonderform der patientenorientierten Bezugspflege ist ein Ansatz, der in den USA bereits seit vielen Jahren praktiziert wird. Das wichtigste Merkmal des Konzepts ist die Rolle der Primary Nurse als Schlüsselfigur und Ansprechpartner für den gesamten Versorgungsprozess der ihr zugeteilten Patienten.

Für Pflegefachkräfte liegt der größte Vorteil des Berufsbilds in der Aufwertung des Pflegeberufs, die jedoch auch mit einer höheren Eigenverantwortung einhergeht. Vor allem, wenn du dich gerne intensiver und selbstständiger um einzelne Patienten kümmern möchtest, könnte Primary Nursing interessant für dich sein.