Eine Frau schlägt ihre Hände vor dem Gesicht zusammen.

Scham in der Pflege – Wenn der Beruf Grenzen überschreitet

Wo entsteht Scham in der Pflege und wie geht man damit um?

Jedem ist das Gefühl von Scham bekannt: Das Gefühl des Unwohlseins, wenn die Privatsphäre und Intimität angegriffen wird oder man aufgrund des eigenen Berufsfeldes selbst eine solche Schamsituation auslöst. Das Schamgefühl wird als eine der schmerzhaftesten Emotionen bezeichnet, da sie auf persönlicher Ebene eine große psychische Belastung darstellen kann. Schamgefühle können unterschiedlichste Auslöser haben, doch gerade in der Pflege gibt es viele Situationen, die diese begünstigen. Hast du dich als Pfleger*in schon einmal gefragt, wie oft du am Tag das Gefühl von Scham oder Unwohlsein erlebst? Vielleicht kannst du die Anzahl gar nicht an einer Hand abzählen! Wir geben dir Tipps, wie du mit solchen Situationen umgehen kannst.

Wann empfinden wir Scham?

Das Gefühl von Scham muss nicht immer nur negativ behaftet sein. Es zeigt uns und auch unseren Mitmenschen, wenn persönliche Schutzgrenzen überschritten werden. Somit können Grenzen aufgebaut werden und im normalen Alltag dazu führen, dass wir uns in unserer Umgebung wohlfühlen. Du lernst durch diese Grenze, deinen oder deine Gegenüber besser einzuschätzen und korrekt zu reagieren. 

Wenn durch eine Pflegesituation unsere Privatsphäre oder Intimsphäre angegriffen wird, fühlen wir uns in unserer Würde verletzt und empfinden Scham. Da Patienten in der Pflege meist auf Hilfe von außen angewiesen sind, kommen solche Situationen nicht selten vor: In der Pflege kommst du fast täglich mit dem Schamgefühl von Pflegebedürftigen in Kontakt. Durch den Eingriff in die Intimsphäre überschreitest du die persönliche Schutzgrenze des Patienten – ein Moment, der beide Seiten nicht unbedingt angenehm ist.
Hierzu gehören beispielsweise Situationen wie das Waschen durch den Pfleger oder auch das Wechseln von Windeln bei Inkontinenz im Alter. Diese Vorgänge sind sehr intime Situationen, die weit außerhalb der Komfortzone der Patienten liegen. Zudem löst diese Art von Unterstützung nicht nur Hilflosigkeit, sondern vor allen Dingen das Gefühl der Entwürdigung und folglich auch Schamgefühle aus. 

 

Wo kommt Scham in der Pflege vor?

In deiner Arbeit als Pfleger*in musst du täglich in die Privatsphäre deiner Patient*innen eindringen und Grenzen überschreiten, um ihnen die notwendige Hilfe bieten zu können. Die Patienten benötigen beispielsweise Unterstützung bei unvermeidbaren Alltagssituationen wie der hygienischen Körperreinigung oder dem Gang zur Toilette. Auch wenn es als Pfleger*in natürlich deine Aufgabe ist, diese Tätigkeiten trotz eines Schamgefühls zu bewältigen, solltest du dich stets wohl dabei fühlen. Um die Pflegesituation sowohl für den Patienten als auch für dich als Pflegekraft so angenehm wie möglich zu gestalten, kann es deshalb hilfreich sein, sich mit den Patienten offen und ehrlich über die möglichen Unterstützungsangebote zu unterhalten und deren Befinden abzufragen. Durch einen offenen Umgang mit dem Schamempfinden des Patienten kannst du herausfinden, welche Hilfe benötigt und welche als unangenehm empfunden wird. So kann eine gemeinsame Lösung gefunden werden, die die Pflegesituation für beide beteiligten Parteien so angenehm wie möglich gestaltet.

4 Tipps für den Umgang mit Schamgefühlen in der Pflege

  • Offene Kommunikation: Sprich offen mit dem Patienten und erkläre, wie du mit deiner Pflege unterstützen kannst. So lassen sich Missverständnisse und Unannehmlichkeiten auf beiden Seiten vermeiden.
  • Aufmerksame Arbeitsweise: Durch Aufmerksamkeit bei der Arbeit mit dem Patienten vermittelst du das Gefühl von Sicherheit. Erkläre deine Vorgehensweise Schritt für Schritt und beobachte die Reaktion der Patienten. 
  • Aufforderung zur aktiven Teilnahme: Vielen Patienten ist es vor allem zu Beginn des Krankheitsverlaufs durchaus noch möglich, einen Großteil der vom Pflegepersonal zu erledigenden Aufgaben alleine oder mit kleiner Unterstützung zu erfüllen. Das Gefühl von Eigenständigkeit steigert nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern verringert gleichzeitig auch das Schamempfinden. 
  • Zuspruch und Offenheit: Durch eine offene und ungezwungene Unterhaltung kann eine schambehaftete Situation für die Patienten aufgelockert werden. Sprich mit ihnen über das Wetter, das bevorstehende Mittagessen, seine Interessen oder andere für den Patienten angenehme Themen. 

Wann empfinden Gepflegte Scham? 

Schamgefühle kommen im Alltag des Pflegepersonals tagtäglich vor, doch vor allem Pflegebedürftige empfinden in solchen Situationen ein starkes Unbehagen und schämen sich. So fühlen sie sich aufgrund ihrer Fähigkeitsverluste stark beeinträchtigt, was ihnen durch die helfende Hand der Pfleger*innen erneut in Erinnerung gerufen wird. Es ist verständlich, dass sie die verlorenen Fähigkeiten vermissen, da sie ihr Leben nicht mehr komplett selbstständig kontrollieren können und auf die helfende Hand anderer Personen angewiesen sind. Dieses Unbehagen reicht aus, um Schamgefühle auslösen. Außerdem darf nicht in Vergessenheit geraten, dass von einem auf den anderen Moment eine bislang fremde Person an den intimsten Situationen wie der Toilettengang oder bei der Körperpflege teilnimmt. 

Die Würde in der Pflege ist (un)antastbar

Nicht nur die Verminderung von Schamgefühl hat einen hohen Stellenwert in der Pflege. Auch eine würdevolle Pflege ist von großer Bedeutung. Würde kann aktiv und auch passiv beeinflusst werden und bei Nichtbeachtung zur Demütigung der Patienten führen. In diesem Fall solltest du darauf bedacht sein, dem Patienten aktiv positiv zuzusprechen. Stelle die derzeitige Lage bzw. Situation nicht als negativ dar. Passiv sollte alles getan werden, dass die zu pflegende Person die Hilfe bekommt, die ihr zusteht. Nutze deine vorhandenen Ressourcen, um die Bedürfnisse zu erkennen und zu berücksichtigen. 

Ein wichtiger, oft jedoch nicht ausreichend berücksichtigter Punkt sind zudem die Rahmenbedingung, in denen das Pflegepersonal die professionelle Arbeit ausführen muss. Wenn die Struktur der Räumlichkeiten unvollständig ausgestattet oder heruntergekommen ist, kann auch der/die beste Pfleger*in keine würdevolle Unterstützung bieten. Es ist wie eine Kettenreaktion der Gefühle. Fühlt sich eine Person unwürdig behandelt, folgt das Gefühl von Scham. Um es also gar nicht so weit kommen zu lassen, ist es von größter Bedeutung, die Würde der pflegebedürftigen anderen Person zu bewahren. Um dies zu erreichen kannst du im Pflegealltag beispielsweise dafür sorgen, dass die Person zu keinem Zeitpunkt vollständig entblößt ist, sondern nur die Bereiche des Körpers offen liegen, die behandelt werden müssen. Gerade während der Arztvisite fühlen sich die Menschen oft wohler, wenn sie sich nicht unbekleidet im Mittelpunkt des Geschehens befinden. 

Scham als Pfleger – Du bist nicht alleine

Doch nicht nur Patienten, sondern auch Pflegekräfte empfinden Scham. Ohne die Person wirklich zu kennen, teilst du mit einer fremden, pflegebedürftigen Person deren intimste Momente. Du überschreitest damit persönliche Grenzen: die des/der Pflegebedürftigen und deine eigenen.

Ein Beispiel: Die Nutzung einer Bettpfanne kann heikel sein. Es kann durchaus vorkommen, dass das Bett aufgrund einer nicht richtig positionierten Bettpfanne nass wird. Und obwohl du natürlich weißt, dass das vorkommt, bereitet das nasse Bett dem Patienten und auch dir ein unangenehmes Gefühl. Um dies zu vermeiden, stehst du in deinem Job häufig unter dem Druck, perfekt reagieren und agieren zu müssen. Und genau diese Erwartungshaltung an dein eigenes Können, kann Stress auslösen. Du stellst dich unter ständigen Druck, es jedem recht zu machen und vergisst dabei an das eigene Wohl zu denken. Eigene Grenzüberschreitende Situationen werden gegebenenfalls zurückgesteckt, was wiederum zu noch Unwohlsein führt. Triff dich mit Freunden oder tausch dich mit anderen Kollegen über Situationen aus, die dir schwerfallen. Darüber zu reden hilft oft dabei, ungute Gefühle zu überwinden, von anderen zu lernen und schließlich besser damit umgehen zu können. 


Scham in der Pflege lässt sich nicht vollständig vermeiden. Umso wichtiger ist es, dass du in einer schambehafteten Situation richtig mit den Gefühlen des Pflegebedürftigen – als auch mit deinen eigenen – umgehen kannst und versuchst, die Schamgefühle möglichst gering und die Würde möglichst hoch zu halten. Wenn du ein offenes Gespräch mit deinem Patienten führst und ein vertrautes Verhältnis entstehen kann, prägt dies die Arbeitsatmosphäre und ein geborgenes und sicheres Gefühl entsteht auf beiden Seiten. So können sich alle Beteiligten wohlfühlen.