Eine Frau hebt abwehrend ihre Hand

Verfasst von Sarah Derkaoui. Veröffentlicht am 02.12.2021.

Sexuelle Belästigung in der Pflege

Wie du auf Belästigungen durch Patient:innen richtig reagierst

Warum wird über sexuelle Belästigung in der Pflege so wenig gesprochen? Schließlich gehört es für viele Pflegekräfte zum traurigen Alltag, sich anzügliche Bemerkungen von Patienten anhören zu müssen oder sogar angefasst zu werden. Wie du dich in unangenehmen Situationen und bei Übergriffen richtig verhältst und woran du Grenzüberschreitungen klar erkennen kannst, liest du hier.

Sexuelle Belästigung in der Pflege – was versteht man darunter?

Unter dem Begriff “Sexuelle Belästigung” werden alle Arten von unerwünschtem Verhalten gefasst, die einen sexuellen Bezug aufweisen. In Deutschland stehen darauf harte Strafen. Im Strafgesetzbuch heißt es in Paragraf 184i: “Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft (...)”. 

Gut zu wissen:

Blondinenwitze und andere sexistische Kommentare fallen ebenso unter die Kategorie der sexuellen Belästigung wie körperliche Übergriffe.

Was die Situation in der Pflege betrifft, gibt es gleich zwei Probleme. Erstens erfordern die Aufgaben in der Pflege oft eine körperliche Nähe zwischen Pflegenden und Patienten, bei der man sich in einer Grauzone befindet. Zweitens wird sexuelle Belästigung nur auf Antrag verfolgt. Dafür braucht es Mut. Vor allem dann, wenn du als Pflegekraft das Gefühl hast, dass Übergriffe “einfach” zum Berufsalltag dazugehören – aber keiner etwas sagt.  

Wie verhalte ich mich bei sexueller Belästigung?

Mal ehrlich, wie oft kamen in deinem Berufsalltag schon Situationen vor, in denen zwar eine klare Grenzüberschreitung stattgefunden hat, du aber zu perplex warst, um darauf zu reagieren? Diesen Schockmoment kennen wir sicher alle. Wir sind von der Situation so überrumpelt, dass wir keinen klaren Gedanken fassen können. Und nachher ärgern wir uns darüber.

Dazu kommt, dass es viel Überwindung kostet, sich Vorgesetzten oder Kollegen anzuvertrauen. Besonders, wenn du noch neu im Pflegeberuf bist, spielt die Angst eine Rolle, als “empfindlich” abgestempelt zu werden. Doch die Vorfälle für sich zu behalten, macht oft alles nur noch schlimmer. 

Die Vorfälle für sich zu behalten, macht oft alles nur noch schlimmer.

5 Tipps für das Verhalten bei Belästigung durch Patienten

  1. Grenzen setzen: Um in unangenehmen Situation selbstbewusst reagieren zu können, kannst du dir im Vorfeld einen Satz zurechtlegen, der eine klare Grenze zieht. “Schluss jetzt!”, “Stopp!”, oder “Hallo?!” sind Beispiele für Ansagen, die du in solchen Situationen einsetzen kannst.

  2. Zurechtweisen: Im nächsten Schritt benennst du, was dich stört. “Nehmen Sie Ihre Hände weg!”, “Hören Sie mit diesen Sprüchen auf!” oder die Warnung, beim nächsten Vorfall die Polizei zu rufen, sind Beispiele für deutliche Stoppschilder.
  3. Den Raum verlassen: Falls du merkst, dass dich die Situation gerade überfordert, nimm dir das Recht, den Raum zu verlassen. Kehre erst zurück, wenn du dich beruhigt hast und nimm evtl. eine dritte Person mit ins Zimmer.

  4. Klarstellen: In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, dem Patienten kurz und sachlich zu erklären, wo das Problem liegt. Ein Satz wie: “Ich bin Pflegefachkraft und arbeite hier für Ihre Gesundheit” signalisiert noch einmal deutlich, dass du dich ausschließlich im Rahmen deiner beruflichen Tätigkeit um die Patienten kümmerst.

  5. Hilfe holen: Hast du Bedenken, dass die Situation eskalieren oder sich wiederholen könnte, wende dich an deine Vorgesetzten. Dieser Punkt ist vielleicht der schwierigste aus der Liste. Doch gerade die Tatsache, dass Vorgesetzte den Patienten mit dem Vorfall konfrontieren, stellt unmissverständlich klar: Hier hat eine klare Grenzüberschreitung stattgefunden.


Wie kann ein Arbeitgeber dich unterstützen?

Informiere dich hier über verschiedene Einrichtungen und wie sich dich mit Weiterbildungen, in gesundheitlichen Themen oder im Privatleben unterstützen können:

→ Pflegeeinrichtungen & Kliniken in Berlin

→ Pflegeeinrichtungen & Kliniken im Rheinland

→ Pflegeeinrichtungen & Kliniken in München

→ Pflegeeinrichtungen & Kliniken deutschlandweit

 

Warum sexuelle Belästigung in der Pflege ein Tabu ist

Wie viele Pflegekräfte es wirklich sind, die bereits Opfer von Übergriffen durch Patienten geworden sind, wird selten thematisiert. Doch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 

Eine Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege kam vor einiger Zeit zu dem Ergebnis: Über 90 Prozent der 1600 befragten Pflegekräfte waren bereits verbaler Gewalt ausgesetzt, etwa 70 Prozent berichteten über Erlebnisse körperlicher Gewalt.

In einer weiteren Studie konnte die Gesundheitspsychologin Claudia Depauli zeigen, dass 67 Prozent der befragten Pflegenden bereits sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ausgesetzt waren.

Woran liegt also die Tabuisierung solcher Grenzüberschreitungen durch Patienten? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es wohl nicht. Doch ein Grund für das Schweigen liegt vielleicht im Berufsbild der Pflegenden begründet. Menschen, die sich für einen Beruf in der Pflege entscheiden, sind meist besonders empathiefähig, hilfsbereit und sozial – und möglicherweise eher nicht autoritär und bestimmend (auch wenn es sicherlich Ausnahmen gibt!). 

Kommt es zu Übergriffen durch Patienten oder Patientinnen, wird das unter Umständen ins Krankheitsbild eingeordnet und somit entschuldigt: “Der Herr A. ist eben dement, er kann das nicht mehr so gut abschätzen” oder “Ja, der Herr B. macht das immer so.” 

Wer das nicht mitmacht, steht schnell als Mimose da. 

Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung?

Übergriffe auf Pflegepersonal: Was Pflegende sich von Arbeitgebern wünschen

Viele Erfahrungsberichte von Pflegekräften spiegeln die Frustration wider, mit ihrem Anliegen beim Arbeitgeber nicht ernst genommen zu werden. Und noch mehr Pflegende behalten die erlebten Vorfälle für sich – aus Angst, den Job zu verlieren. 

Dabei können Arbeitgeber einiges tun, um das Tabu zu brechen und ihre Mitarbeiter vor unangemessenen Situationen zu schützen. Schließlich stehen sie rechtlich in der Pflicht, ihren Mitarbeitern Schutz vor jeglicher Art von Belästigungen, sexuellen Übergriffen und Diskriminierungen zu gewähren.

  • Ernst genommen werden: Hast du das Gefühl, dich vertrauensvoll an deinen Vorgesetzten wenden zu können, wenn ein Patient sich im Ton vergriffen oder gar handgreiflich geworden ist? Hier auf Rückendeckung zählen zu können, ist viel wert.

  • Patienten konfrontieren: Statt solche Vorfälle unter den Tisch zu kehren, ist es wichtig, dass die Leitung das Thema in die Hand nimmt und vor dem Patienten klar Stellung bezieht. Eine Zurechtweisung “von oben”, eventuell in Verbindung mit der Drohung eines Pflegeabbruchs kann ein wichtiges Signal darstellen.

  • Handlungsanweisungen bekommen: Offen über Belästigungen und Übergriffe zu sprechen, und sich über Handlungsstrategien auszutauschen, nimmt dem Sachverhalt den Tabu-Charakter. Außerdem hilft es, zu erkennen: Ich bin nicht alleine. 


Fazit: Sexuelle Belästigung in der Pflege aus dem Tabu holen!

Bei Pflegehandlungen an Patient:innen entsteht naturgemäß eine körperliche Nähe zwischen ihnen und dem Pflegefachpersonal. Trotzdem gibt es Grenzen, die nicht übertreten werden dürfen. Sicher: Es handelt sich um pflegebedürftige Menschen, die größtenteils auf deine Hilfe angewiesen sind. Doch das ist keinesfalls (!) eine Entschuldigung für sexistische Kommentare oder gar Handgreiflichkeiten. 

Bist du als Pflegekraft bereits Opfer von Übergriffen geworden, suche Unterstützung und Rückhalt im Team oder bei deinen Vorgesetzten. So können wir es schaffen, sexuelle Belästigung in der Pflege aus dem Tabu zu holen.