Eine Pflegerin deckt einen Mann im Bett mit einer Decke zu

Verfasst von Sarah Derkaoui. Veröffentlicht am 15.08.2022.

Umgang mit Epilepsie: Was tut die Pflege?

So gehst du mit Epilepsie-Patient:innen um

Schätzungsweise 600.000 Menschen in Deutschland leiden unter verschiedenen Formen von Epilepsie. Bei manchen kommt es mehrmals täglich zu epileptischen Anfällen, bei anderen nur wenige Male im ganzen Leben. Das erklärt auch, warum nicht jeder Mensch mit Epilepsie Pflege braucht. Bestimmte Umstände können jedoch sogar eine dauerhafte Intensivpflege nötig machen. Was die Pflege bei Epilepsie tut, welche pflegerischen Maßnahmen bei Betroffenen nötig werden können und wie du als Pflegekraft richtig mit Epilepsie-Patient:innen umgehst, haben wir für dich zusammengefasst.

Warum nicht bei jeder Epilepsie Pflege nötig ist

Um diese Frage zu beantworten, beginnen wir am besten mit einer Definition.

Epilepsie ist ein Begriff, der eine Gruppe von vorübergehenden neurologischen Störungen des Gehirns bezeichnet. Die Erkrankung geht mit epileptischen Anfällen einher. Ihr Auslöser sind übermäßig aktive Nervenzellen, die plötzlich und unkontrolliert zu viele Impulse abfeuern. Während solcher Anfälle kommt es häufig zu Muskelzuckungen oder -kribbeln, in manchen Fällen verlieren Betroffene sogar das Bewusstsein und/oder verkrampfen am ganzen Körper.

Die Internationale Liga gegen Epilepsie (International League Against Epilepsy, ILAE) hat drei Bedingungen formuliert, die für die Diagnose Epilepsie erfüllt sein müssen:

  • Das Auftreten von mindestens zwei nicht provozierten (d.h. “aus dem Nichts kommenden”) epileptischen Anfällen im Abstand von mehr als 24 Stunden. 

  • Das Auftreten von einem nicht provozierten Anfall in Verbindung mit einer Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle von mehr als 60 % in den nächsten zehn Jahren.

  • Das Vorliegen eines sogenannten Epilepsie-Syndroms, das durch verschiedene Untersuchungen und Befunde diagnostiziert werden kann. 


Mit Medikamenten lassen sich Epilepsien in der Regel gut behandeln, sodass Betroffene anfallsfrei leben oder die Anfälle zumindest besser kontrollieren können. Das funktioniert jedoch leider nicht bei allen an Epilepsie Erkrankten. 

Sind die epileptischen Krampfanfälle beispielsweise Teil einer schweren Behinderung, kann sogar eine Intensivpflege mit erheblicher pflegerischer Unterstützung notwendig werden. Kümmerst du dich als Pflegefachkraft um solche Patient:innen, kannst du dabei helfen, ihre Lebensqualität zu verbessern und die Angehörigen zu unterstützen.

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Epilepsie: Ursachen & Symptome

Kommt eine erhöhte Anfallsbereitschaft mit einer durch bestimmte Auslöser verursachten Funktionsstörung des Gehirns zusammen, können Epilepsien entstehen. Für viele Epilepsien ist die Ursache allerdings noch unbekannt, sie werden als genuine Epilepsien bezeichnet. Lässt sich eine Erkrankung des Gehirns als Ursache identifizieren, handelt es sich dagegen um eine symptomatische Epilepsie. 

Auf Basis der verschiedenen möglichen Ursachen lassen sich Epilepsien in drei Gruppen einteilen.

  • genetisch: Hier ist das Zusammenwirken von genetischen Faktoren und bestimmten Umwelteinflüssen gemeint. Die genetische Epilepsie betrifft vorwiegend Kinder und Jugendliche. 

  • stukturell-metabolisch: Können Veränderungen in der Struktur des Gehirns als Ursache identifiziert werden, handelt es sich um eine strukturelle Epilepsie. Solche Veränderungen können z.B. durch Hirnhautentzündung, Hirntumor, Gehirnerschütterung, Schlaganfall oder auch Stoffwechselerkrankungen entstehen. 

  • kryptogen/unklar: Ist die Ursache für die Schädigung unbekannt, wird von einer kryptogenen Epilepsie gesprochen. 


Auch die Symptome von Epilepsien können sich zwischen Betroffenen stark unterscheiden. Je nachdem, welche Nervenzellen und Hirnareale bei einem epileptischen Anfall betroffen sind, kommt es zu verschiedenen Symptomen mit jeweils unterschiedlicher Ausprägung.

Fokale Anfälle sind auf einen bestimmten Bereich des Gehirns begrenzt (können aber im Verlauf auch das ganze Gehirn betreffen und zu einem generalisierten Anfall werden).

Typische Symptome bei fokalen Anfällen: 

  • Muskelkrämpfe und -zuckungen (wenn das motorische System betroffen ist) 

  • Wahrnehmungsstörungen (wenn das sensorische System betroffen ist)

  • Vermehrte Produktion von Speichel (wenn das vegetative System betroffen ist)


Generalisierte Anfälle betreffen das gesamte Gehirn und gehen in der Regel mit Bewusstlosigkeit einher.

Typische Symptome bei generalisierten Anfällen:

  • Kurzzeitig versteifte Gliedmaßen, oft ohne Trübung des Bewusstseins (tonischer Anfall). 

  • Völlig nachlassende Muskelspannung in bestimmten Körperpartien (z.B. ein Einknicken der Beine) in Verbindung mit erhöhter Sturzgefahr (atonischer Anfall).

  • Langsam zuckende Muskelgruppen unter Bewusstlosigkeit (klonischer Anfall).

  • Schnelles Zucken einzelner Muskelgruppen, meist ohne Bewusstseinsverlust (myklonischer Anfall).

  • Verkrampfen und Zucken des gesamten Körpers bei Verlust des Bewusstseins (tonisch-klonischer Anfall, auch ‘Grand Mal’).

  • Plötzlich auftretende, kurze geistige Abwesenheit (Absencen, eher milde Anfallsform).


Was tut die Pflege bei Epilepsie?

Tritt bei pflegebedürftigen Patient:innen erstmals ein epileptischer Anfall auf, ist es als Pflegekraft deine wichtigste Aufgabe, diesen zu dokumentieren und Betroffene bei anstehenden Untersuchungen und Therapien zu begleiten. Dabei kommt es besonders auf einen feinfühligen Umgang mit den Pflegebedürftigen an. Epilepsie ist ein Krankheitsbild, das noch immer stark stigmatisiert wird und bei Betroffenen zu einer starken psychischen Belastung führen kann. 

Anders läuft die Betreuung von Epilepsie-Patient:innen in der (ambulanten) Intensivpflege ab. Hier kommt es auf eine gute Beobachtungsgabe, sowie sicheres und professionelles Handeln im Falle eines Anfalls an. Weitere pflegerische Maßnahmen bei Epilepsie: Überwachung der Vitalzeichen, Schutz vor Verletzungen, sowie die Sauerstoff- und Medikamentengabe (wenn nötig). In der Regel stehen dir dafür zusätzlich Notfallpläne der betreuenden Ärzte zur Verfügung, an die du dich halten kannst.

Wie reagiert man als Pflegende:r auf einen epileptischen Anfall?

Kommt es bei Pflegebedürftigen zu einem epileptischen Anfall, musst du in erster Linie darauf achten, die Patient:innen vor Verletzungen zu bewahren. Außerdem musst du bereit sein, sofort weitere pflegerische Maßnahmen einzuleiten, falls dies nötig werden sollte.

  • Den Kopf schützen: Lege ein Kissen oder eine weiche Jacke unter den Kopf des Patienten, um Verletzungen zu vermeiden.

  • Gegenstände aus der Umgebung entfernen: Um die Verletzungsgefahr zu reduzieren, sollten alle Gegenstände aus der Nähe des Betroffenen weggelegt werden – dazu gehört übrigens auch die Brille, falls der Patient eine trägt!
  • Nicht Festhalten oder Fixieren: Verzichte in jedem Fall darauf, den Betroffenen während des Anfalls festzuhalten. Während eines epileptischen Anfalls sind starke Kräfte wirksam, denen man bestenfalls freien Lauf lassen sollte. Eine Einwirkung von außen kann das Risiko für Muskelzerrungen und Brüche erhöhen. 

  • Medikamente nur im Notfall geben: Ein “normaler” epileptischer Anfall ist in der Regel nach 2 bis 3 Minuten vorbei. Dauert er allerdings länger und geht in einen Status epilepticus über, ist die sofortige Gabe von Medikamenten nötig – denn in diesem Fall liegt die Sterbewahrscheinlichkeit bei 5–10 %!


Was muss dem Patienten vermittelt werden?

Der richtige Umgang mit Epilepsie ist ein entscheidender Faktor für den Behandlungserfolg und ein weitgehend anfallfreies Leben. Dazu leistest du als Pflegefachkraft einen wichtigen Beitrag. Ob es sich um Patient:innen mit Epilepsie in der Altenpflege, in der Kinderkrankenpflege oder um Menschen nach einem Erstanfall handelt: Es gilt, die Betroffenen gründlich über mögliche Auslöser für epileptische Anfälle aufzuklären.

Folgende Einflüsse können einen Anfall provozieren:

  • Zu wenig Schlaf

  • Alkohol- und Drogenkonsum

  • Die Einnahme bestimmter Medikamente

  • Flacker- und Blitzlicht (wie in Nachtclubs und Diskotheken)

  • Sauerstoffmangel


Es gibt allerdings noch einiges mehr zu beachten, bevor Betroffene wieder in den Alltag entlassen werden können. Patient:innen sollten darüber informiert werden, dass sie nach einem epileptischen Anfall für 1 Jahr kein Fahrzeug führen dürfen. Gleiches gilt für den Betrieb bestimmter Maschinen und die Arbeit an flimmernden Bildschirmen. Für Betroffene kann es in diesem Zusammenhang deshalb sogar zur Berufsunfähigkeit kommen. Gerade aus diesem Grund solltest du so einfühlsam und empathisch wie möglich mit Erkrankten umgehen.
Wie kann Epilepsie behandelt werden und was kann man als Pflegekraft tun?
Die Behandlung von Epilepsie richtet sich nach der zugrundeliegenden Ursache, falls diese bekannt ist. Folgende Möglichkeiten kommen infrage:

  • Chirurgischer Eingriff: Liegt ein Tumor oder eine Missbildung von Gefäßen vor, können diese im Rahmen einer Operation entfernt werden. Dies birgt jedoch auch Risiken, da dadurch neue Narben im Gehirn verursacht werden, die erneute Anfälle begünstigen können. 

  • Medikamentöse Therapie: Um das zukünftige Auftreten epileptischer Anfälle zu verhindern, werden bestimmte Medikamente eingesetzt, die in der Regel dauerhaft und lebenslang eingenommen werden müssen. Die Herausforderung hierbei ist, eine geeignete Wirkstoffkombination und -dosierung zu finden, die Betroffenen ein weitgehend normales Leben ermöglicht. Diese Medikamente haben oft erhebliche Nebenwirkungen auf Nervensystem, Gleichgewicht und Konzentrationsvermögen.

  • Weitgehendes Reduzieren von Risikofaktoren: Stress, zu wenig Schlaf, Sauerstoffmangel und weitere potentielle Anfallauslöser sollten nach Möglichkeit vermieden werden, um das Risiko für das erneute Auftreten eines epileptischen Anfalls gering zu halten.


Je nach Ausprägung der Epilepsie bei den Patient:innen, die du betreust, sind deine Aufgaben als Pflegekraft verschieden. Wichtig ist eine vollständige und nachvollziehbare Dokumentation von epileptischen Anfällen und Stürzen, damit pflegerische Maßnahmen angepasst werden können und die Häufigkeit der Anfälle erfasst wird. 

Dokumentiere epileptische Anfälle daher im Anfallsblatt und fertige zusätzlich ein Sturzprotokoll an, falls es zu einem Sturz gekommen sein sollte. Erkundige dich bei deiner Einrichtung, falls du im Zweifel über das genaue Vorgehen bist.

Fazit: Die Pflege von Patient:innen mit Epilepsie hat viele Gesichter

Ebenso, wie die Erkrankung selbst, sehen auch die Pflege von Epilepsie-Patienten und die nötigen pflegerischen Maßnahmen je nach Ausprägung des Krankheitsbilds ganz unterschiedlich aus. Nicht immer ist bei Epilepsie Pflege nötig. In vielen Fällen bleibt es bei einem einzigen Anfall. Selbst dann gilt allerdings: Der Umgang mit Epilepsie verlangt Empathie, starke Nerven und eine gute Beobachtungsgabe. 

Ob in der Altenpflege oder in der Kinderkrankenpflege – bei Betroffenen mit schweren Formen von Epilepsie kann es schnell zu Komplikationen kommen. Bei der Pflege dieser Patient:innen benötigst du vor allem Handlungssicherheit und die Fähigkeit, in brenzligen Situationen ruhig und überlegt vorgehen zu können, um die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.