Eine Pflegekraft hilft einer Frau beim Aufstehen.

Verfasst von Sarah Derkaoui. 

Kinästhetik in der Pflege – was steckt hinter dem Konzept?

Vorteile für Pflegekräfte und Patient:innen

Es gibt gute Gründe dafür, dass rückenschonendes Arbeiten und Kinästhetik in der Pflege oft in einem Atemzug genannt werden: Kinästhetische Mobilisation hat viele Vorteile – sowohl für dich als Pflegekraft, als auch für deine Patient:innen. In diesem Artikel verraten wir dir, was hinter Kinasthetics Konzepten steckt, wie du sie erlernen kannst und warum diese sanfte Pflegeart so beliebt ist. Außerdem liefern wir dir hilfreiche Praxisbeispiele für deinen Berufsalltag.

Kinästhetik in der Pflege – was ist das?

Die Kinästhetik (engl.: Kinaesthetics) befasst sich mit der Empfindung der eigenen Bewegungen. Begründet wurde das Konzept in den 1970er Jahren von Frank Hatch und seiner Frau Lenny Maietta. Entscheidend für die Bewegungslehre ist die Kombination zweier Ebenen, wie der altgriechische Ursprung der Wortschöpfung Kinästhetik zeigt. Der Begriff setzt sich aus zwei Komponenten zusammen:

  • kineo: (sich) bewegen
  • aisthesis: Wahrnehmung, Empfindung

Konkret geht es um eine Steigerung der Bewegungsempfindung von Patient:innen. Kurz gesagt, sollen sie dabei unterstützt werden, die Kontrolle über ihre eigenen Bewegungen zu verbessern.

Das sind die wichtigsten Ziele der Kinästhetik

Kinästhetische Mobilisation in der Pflege hat die Bewegungsförderung der Patient:innen zum Ziel – gleichzeitig aber auch deine Gesundheit als Pflegekraft im Blick. Das gehört dazu:

  • Einbinden: Arbeitest du mit kinästhetischen Prinzipien, leistest du Hilfe zur Selbsthilfe, da du Patient:innen aktiv in Bewegungsmuster einbindest.
  • Unterstützen: Kinästhetik Konzepte ermöglichen dir, die Mobilisation kranker Menschen schonend zu unterstützen und dabei möglichst auf Tragen oder Heben zu verzichten.
  • Motivieren: Kinästhetik in der Pflege soll Pflegebedürftige dazu motivieren, sich zu bewegen und selbstständiger zu werden.
  • Vorbeugen: Frühzeitige Mobilisation kann Dekubitus und Thrombosen vermeiden helfen. Auch du profitierst, da so weniger Belastung für dich entsteht – das Risiko für Gelenk- und Rückenbeschwerden sinkt. 

Du siehst: Wendest du die Lehre der Kinästhetik in der Pflege richtig an, kannst du damit dir und deinen Patient:innen viel Gutes tun. Worauf es dabei ankommt, haben wir für dich zusammengefasst. 

Die Basis: Grundprinzipien der Kinästhetik

Kinästhetik in der Pflege einzusetzen, bedeutet, Patient:innen (wieder) dazu zu befähigen, sich aus eigener Kraft heraus zu bewegen. Ganz salopp gesagt: Wendest du die Prinzipien der kinästhetischen Mobilisation an, machst du die ganze Arbeit nicht mehr alleine. Das ist wichtig. Denn die körperliche Belastung in der Pflege ist oft hoch. Vor allem bei solchen Tätigkeiten wie dem Umbetten, Patient:innen waschen und Betten schieben.

Die körpereigenen Ressourcen der Patient:innen miteinzubinden ist daher eine Win-win-Situation für alle – wenn du es richtig machst. Besonders wichtig ist dabei eines der Grundprinzipien von Kinästhetik: “Massen fassen, Zwischenräume spielen lassen.” 

  • Massen fassen: Stark vereinfacht geht es hierbei darum, bei der Mobilisation Massen wie den Kopf, die Extremitäten und den Brustkorb zu unterstützen.
  • Zwischenräume spielen lassen: Dazu gehören die Achselhöhlen, die Taille und der Hals. Hier solltest du Patient:innen nicht anfassen, da die Gefahr besteht, dass sie verkrampfen und es dann nicht schaffen, ihre Bewegungsmöglichkeiten zu aktivieren.

Was du über die 6 Konzepte der Kinästhetik in der Pflege wissen solltest!

Die sechs Konzepte der Kinästhetik funktionieren wie kleine Zahnräder, die im Idealfall reibungslos ineinandergreifen, um die Mobilisation Pflegebedürftiger zu unterstützen und langfristig auch deine Gesundheit zu erhalten.

Folgende Kinästhetik Konzepte gibt es:

  • Interaktion. Wie viel Unterstützung braucht dein:e Patient:in noch, um einen bestimmten Bewegungsablauf so selbstständig wie möglich durchzuführen? Hier ist dein menschliches Gespür und dein Fachwissen gefragt. Führe die jeweilige Bewegung gemeinsam mit deinen Patient:innen durch. Aber: Assistiere nur so viel, wie es dein:e Patient:in wirklich benötigt. 
  • Funktionale Anatomie. Wenn du weißt, wie sich Kraft im Körper verteilt sowie welche Rolle Muskeln und Knochen dabei spielen, kannst du deinen Patient:innen besser dabei helfen, ihre eigenen Fähigkeiten effektiver einzusetzen.
  • Menschliche Bewegung. Damit sind unterstützende Bewegungsmuster gemeint, die Patient:innen durchführen können, um dir als Pflegekraft alltägliche Handlungen wie z.B. die Lagerung zu erleichtern. 
  • Anstrengung. Dieses Konzept kannst du nutzen, um zu überprüfen, wie gut dein:e Patient:in mit Unterstützung durch aktives Drücken und Ziehen den eigenen Körper koordinieren kann.
  • Menschliche Funktion. Hier steht im Mittelpunkt, welche Positionen deine Patient:innen durch Gewichtsverlagerung selbst einnehmen und aufrechterhalten können. Die Kinästhetik kennt 7 Grundpositionen für Bewegungsaktivitäten (wie z.B. die Rückenlage, das Sitzen und das Auf-einem-Bein-Stehen).
  • Gestaltung der Umgebung. Nutzt du die kinästhetische Mobilisation für die Bewegungsförderung deiner Patient:innen, sollte die Umgebung so gestaltet sein, dass sie die Durchführung der jeweiligen Aktivität unterstützt.

Vor- und Nachteile der Kinästhetik in der Pflege

Wie schon gesagt: Wendest du die Bewegungslehre der Kinästhetik in der Pflege an, hilfst du deinen Patient:innen wieder selbstständiger zu werden. Gleichzeitig tust du etwas für deine eigene Gesundheit, indem du unnötige Belastungen im Pflegealltag vermeidest.

Diese Vorteile hat die kinästhetische Mobilisation für Pflegebedürftige:

  • gesteigerte Bewegungsfähigkeit und Selbstständigkeit
  • besseres Selbstwertgefühl und mehr Motivation
  • Vorbeugung von Unfällen und Thrombosen
  • Angst und Schmerzen werden durch gezielte kinästhetische Übungen reduziert

Und das hast du als professionell Pflegende:r von dem Konzept:

  • Entlastung. Schaffen es Patient:innen, sich selbstständig(er) zu bewegen, bedeutet das im Umkehrschluss weniger Anstrengung für dich.
  • Gesundheit. Rückenschonendes Arbeiten ist gerade im Pflegeberuf wichtig, um langfristig Gelenk- und Rückenbeschwerden zu vermeiden. Und weil gute Arbeitsbedingungen auch für mehr Zufriedenheit sorgen, gewinnst du doppelt.
  • Beziehung zu Patient:innen. Kinästhetik in der Pflege erfordert eine gute Kommunikation zwischen dir und deinen Patient:innen. Und die ist wiederum eine wichtige Grundlage für eine vertrauensvolle Pflegebeziehung.

Nachteile der Kinästhetik: Welche Probleme können auftreten?

Wenn du schon einige Jahre in der Pflege arbeitest, hast du sicher schon eines der möglichen Probleme der Kinästhetik Bewegungslehre identifiziert: Was ist, wenn Patient:innen nicht mit der körperlichen Nähe bei der kinästhetischen Mobilisation klarkommen?

Ein berechtigter Einwand. Erfahrungsgemäß kann es in solchen Fällen helfen, jeden einzelnen Teilschritt der jeweiligen Bewegung ruhig zu erklären. Mit viel Empathie und indem du die Kinästhetik Übungen ansagst und erläuternd begleitest, ist es möglich, solche Situationen in den Griff zu bekommen.

Des Weiteren kann es passieren, dass sich der Zustand des Pflegebedürftigen trotz kinästhetischer Mobilisation nicht verbessert. Hier gilt es, trotzdem dranzubleiben. Oft können mit etwas Geduld schließlich kleine Fortschritte erzielt werden.

Kinästhetik Praxisbeispiele: So funktioniert das Konzept

Wie du das Konzept in deiner täglichen Arbeit mit Pflegebedürftigen umsetzen kannst, zeigen die folgenden Kinästhetik Praxisbeispiele. Sie beschreiben zwei typische Situationen im Pflegealltag.

Kinästhetik Übungen: Beim Gehen unterstützen

Möchtest du deine Patient:innen beim Gehen unterstützen, kannst du die Prinzipien der Kinästhetik dabei folgendermaßen nutzen:

  • Spreche die Bewegungsrichtung mit der pflegebedürftigen Person ab.
  • Nehme die zu pflegende Person an der Hand und stelle dich an ihre Seite.
  • Nutze deine zweite Hand, um den Unterarm der pflegebedürftigen Person leicht abzustützen.
  • Passe dich der Geschwindigkeit der/des Pflegebedürftigen an. 

Kinästhetik Übungen: Transfer vom Stuhl ins Bett

Mithilfe der kinästhetischen Mobilisation kannst du diese oft schwierige Aufgabe gemeinsam mit deinen Patient:innen kräfteschonend meistern. Achte darauf, die Bewegungen körpernah und langsam durchzuführen.

  • Platziere den Stuhl (oder Rollstuhl) auf Höhe des Kopfkissens nah ans Bett.
  • Stelle dich vor die/den Pflegebedürftigen, sodass er/sie die Arme über deine Schultern legen kann.
  • Gehe in die Knie, um dem/der Pflegebedürftigen das Aufstehen zu ermöglichen und nutze dabei die Stärke aus den Beinen für die Bewegung.
  • Komme gemeinsam mit dem/der Pflegebedürftigen hoch und biete ihm dabei die Gelegenheit, kurz sein/ihr Eigengewicht selbst zu tragen, bevor du dich drehst und ihr/ihm hilfst, auf der Bettkante in die Sitzposition zu kommen.
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Wie kann Kinästhetik erlernt werden?

Möchtest du Kinästhetik in der Pflege anwenden, kannst du deutschlandweit unter verschiedenen Anbietern wählen, die Kinästhetik Kurse durchführen. So gibt es Kliniken und andere Gesundheitseinrichtungen, in denen regelmäßig Grundkurse zur Kinästhetik stattfinden. Auch über die offizielle Seite der sogenannten MH Kinaesthetics (benannt nach den Nachnamen der beiden Begründer Hatch und Maietta) findest du eine Liste von Kursen und Seminaren im ganzen deutschsprachigen Raum. 

Die Kosten für Kurse zum Einsatz von Kinästhetik in der Pflege können dabei abhängig vom jeweiligen Anbieter stark variieren und liegen in der Regel zwischen 400 und 1000 Euro.

Fazit: Mit Kinästhetik in der Pflege arbeitest du motivierter und effektiver

Kinästhetische Mobilisation ist eine Pflege-Art, die sowohl die Bedürfnisse von Patient:innen bedient, als auch dein Wohlbefinden erhöht. Sie zeigt: Gute Pflege geht auch ohne chronische Rückenschmerzen und Dauer-Überlastung. Nutzt du das Konzept der Kinästhetik in der Pflege, erleichterst du Patient:innen den Weg zu mehr Selbstständigkeit und förderst gleichzeitig deine eigene Gesundheit und Motivation. Wir finden: Das lohnt sich.