Eine Pflegerin spricht mit einem Mädchen

Verfasst von Laura Hörner. Veröffentlicht am 06.10.2022.

Traumapatienten: So verhältst du dich als Pflegekraft richtig

Wir beantworten Fragen zum Umgang mit traumatisierten Patienten

Als Pflegekraft hast du es oft mit Menschen zu tun, die ein schweres Schicksal hinter sich haben – und in manchen Fällen weißt du vielleicht gar nichts davon. Umso wichtiger ist es deshalb für dich, die Symptome von Traumata erkennen zu können und zu wissen, wie du mit Traumapatienten und -patientinnen umgehst. Wir beantworten dir die wichtigsten Fragen rund um das Thema.

Was ist überhaupt ein Trauma? 

Allgemein gesprochen versteht man unter einem Trauma die Folgen einer Gewalteinwirkung oder eines Unfalls auf den Körper – übersetzt heißt das Wort soviel wie „Verletzung“. In der Medizin geht es dabei erst einmal um körperliche Auswirkungen. Sicherlich kennst du beispielsweise aus deiner Tätigkeit in der Pflege das Schädel-Hirn-Trauma. 

An dieser Stelle soll es jedoch nicht um körperliche Traumata und Schädel-Hirn-Trauma-Patienten gehen, sondern um seelische Traumata. Diese entstehen durch sexuelle Gewalt, andere Gewalt- und Kriegsverbrechen oder auch durch das Erleben von Naturkatastrophen oder Unfällen. Die beiden letzteren können meist besser verarbeitet werden, da sie eher als zufällig wahrgenommen werden und oft mehrere Personen gleichzeitig betroffen sind. Das erleichtert den Austausch und die gemeinsame Bewältigung.

Unter welchen Arten von Traumata können Traumapatienten leiden?

Prinzipiell wird bei seelischen Traumata zwischen zwei Arten unterschieden: dem Typ-I-Trauma und dem Typ-II-Trauma. Ersteres entsteht aus einer kurzzeitigen und einmaligen Einwirkung wie einem Unfall oder einer einmaligen Naturkatastrophe (zum Beispiel einem zerstörerischen Sturm), aber auch aus Erlebnissen wie Überfällen, Vergewaltigungen oder sonstigen Gewalteinwirkungen. 

Ein Typ-II-Trauma liegt bei einer mehrmaligen oder langanhaltenden Einwirkung vor. Das kann zum Beispiel eine dauerhafte Naturkatastrophe sein (wie eine Dürre), aber auch menschliche, wiederholte Gewalttaten wie Folter, sexuelle Misshandlung, Kriege oder politische Verfolgung. Wichtig zu wissen ist, dass Traumata vom Typ II schwerer zu bewältigen sind als die vom Typ I und besonders (aber nicht nur) auf Kinder sehr schwerwiegende Auswirkungen haben. Gleichzeitig haben menschengemachte Traumata stärkere Auswirkungen als solche, die etwa von Naturkatastrophen kommen. 

Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung?

Bestimmt bist du schon einmal über den Begriff „posttraumatische Belastungsstörung“ (kurz PTBS) gestolpert. Dabei handelt es sich um eine Traumafolgestörung: Infolge einer traumatischen Erfahrung entwickelt eine Person typische Symptome, die sie als besonders belastend wahrnimmt. Die PTBS tritt oft kurze Zeit nach dem Erlebnis auf, kann sich aber auch noch Jahre danach entwickeln.

Eine PTBS kann auch mit anderen Erkrankungen wie einer Angststörung, einer dissoziativen Störung, einer Borderline-Störung oder einer emotional instabiler Persönlichkeitsstörung einhergehen. Wird sie nicht richtig behandelt, sind auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Suchterkrankungen oder Depressionen eine mögliche Folge.

Was sind Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung?

Wenn du nichts von der Vergangenheit deiner Patientinnen und Patienten weißt und es noch keine Diagnose gibt, dann ist es nicht immer einfach, PTBS-Symptome richtig zu deuten. Unter anderem zeigen Menschen mit einer solchen Belastungsstörung Symptome, die sich wie folgt äußern:

  • Hohe Alarmbereitschaft: Traumapatienten und -patientinnen schlafen oftmals schlecht und reagieren stark auf äußere Reize, die sie mit ihrem Trauma in Verbindung bringen. Das macht sie schnell erregbar und impulsiv.

  • Flashbacks: Menschen mit Traumafolgestörung leiden unter belastenden Gedanken und sogenannten Flashbacks, in denen sie sich intensiv an das Erlebte erinnern. Auch Albträume sind typisch. Dies resultiert in Gefühlen wie Hilflosigkeit, Angst oder Scham. 

  • Vermeidungsverhalten: Die Erinnerung an das traumatische Erlebnis kann durch bestimmte Trigger wie Orte, Menschen, Geräusche oder Situationen zurückkommen. Diese werden von Traumapatienten und -patientinnen deshalb aktiv gemieden. Zudem kann es vorkommen, dass sich diese Menschen generell aus ihrem Leben zurückziehen, sich nicht mehr für ihre Hobbys interessieren und sich innerlich leer fühlen. Auch Gedächtnisverlust kann im Zuge der Vermeidung und Verdrängung ein Symptom sein.

  • Negative Gedanken und Gefühle: Besonders bezeichnend für das posttraumatische Belastungssyndrom sind wiederkehrende negative Gedanken und Gefühle. Das kann sich in einem geringen Selbstwertgefühl, Hilflosigkeit und Traurigkeit äußern. Aber auch Wut auf sich selbst und andere, die an dem traumatischen Erlebnis beteiligt waren, kann ein Symptom darstellen. 


Umgang mit traumatisierten Patienten: Was kann ich als Pflegekraft tun?

Hast du traumatisierte Patientinnen und Patienten, dann kannst du einiges dafür tun, um deren mentale Gesundheit zu verbessern oder zumindest nicht zu verschlechtern. Das Umfeld eines Traumapatienten oder einer Traumapatientin hat einen großen Einfluss auf deren psychische Gesundheit, weshalb das richtige Verhalten deinerseits besonders wichtig ist. Dabei gibt es keine pauschale Vorgehensweise – du musst individuell auf deine Patientinnen und Patienten eingehen. Diese Empfehlungen solltest du dabei beachten:

  • Sei dir der Symptome bewusst: Der erste Schritt im richtigen Umgang mit traumatisierten Personen ist das Bewusstsein für die Symptome und Folgen einer Traumafolgestörung. Akzeptiere das Verhalten und sensibilisiere dich dafür. Versetze dich in die Personen und ihre Geschichte hinein. Ein bekanntes Beispiel ist zum Beispiel unruhiges oder gar wütendes Verhalten bei der Essensausgabe. Für dich ist das vielleicht nicht verständlich, weil ja genügend Essen da ist. Bei Menschen, die lange unter Hunger litten, kann diese Situation aber der Auslöser von Angstgefühlen und Anspannung sein.

  • Vermittle Sicherheit: Im Umgang mit traumatisierten Personen ist es besonders wichtig, dass sich diese sicher fühlen. Berühre traumatisierte Patientinnen und Patienten zum Beispiel nicht ohne Vorwarnung und erkläre ihnen den Ablauf der Behandlung genau. Gebe ihnen außerdem ein Gefühl der Kontrolle, indem du alle relevanten Entscheidungen vorher mit ihnen besprichst. 

  • Zeige Respekt: Dieser Punkt versteht sich eigentlich von selbst. Wie alle anderen Patientinnen und Patienten auch solltest du Traumapatienten mit Respekt behandeln und ihnen auf Augenhöhe begegnen. 

  • Kommuniziere gut: Im Umgang mit PTBS-Patient:innen solltest du aktiv kommunizieren und mögliche Fragen offen beantworten. Ebenso kannst du danach fragen, was ihnen wichtig ist und was du tun kannst, damit sie sich besser fühlen. Bei geflüchteten Patientinnen und Patienten kann dabei eine Übersetzerin oder ein Übersetzer helfen, wenn diese noch nicht gut genug Deutsch sprechen. 

  • Nicht bedrängen: Für Traumapatienten und -patientinnen ist es wichtig, dass sie über ihre Erlebnisse sprechen. Allerdings solltest du sie auf gar keinen Fall dazu drängen. Jeder verarbeitet sein Trauma anders und viele traumatisierte Menschen fühlen sich nicht wohl dabei, ihre Geschichte und Gefühle mit Fremden zu teilen. Helfen kann stattdessen eine Psychotherapie – auch dazu sollten Patientinnen und Patienten jedoch nicht gedrängt werden.

  • Vermeide Stress: Im Umgang mit traumatisierten Patientinnen und Patienten solltest du Stress so gut wie möglich vermeiden, da diese oftmals anfälliger für Stresssituationen sind. Finde außerdem mit ihnen zusammen Möglichkeiten, Stress zu bewältigen: Das können zum Beispiel Atem- und Entspannungstechniken, Gespräche, Musik oder sportliche Betätigung sein.

  • Schaffe positive Erlebnisse: Menschen, die unter einem Trauma leiden, benötigen ein stabiles und sicheres Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen und Freude empfinden können. Dabei helfen können zum Beispiel Freizeitangebote, die je nach Alter und Interessen natürlich ganz unterschiedlich aussehen können. So bieten sich zum Beispiel Sport, künstlerische Tätigkeiten, Musik, gemeinsame Unternehmungen oder Gemeinschaftsspiele an. Auch hin und wieder ein nettes Gespräch zu führen, bewirkt schon viel.


Der Umgang mit traumatisierten Personen kann schwierig sein, wenn du darin noch keine Erfahrung hast. Bist du dir unsicher, wie du dich in einer bestimmten Situation verhalten sollst, dann suche dir auf jeden Fall Hilfe bei deinen Kolleginnen und Kollegen oder den behandelnden Ärztinnen und Ärzten.