Eine Pflegerin spricht mit einem alten Mann

Verfasst von Laura Hörner. 

Biografiearbeit in der Altenpflege: Erinnerungspflege

Die Möglichkeiten & Grenzen der Biografiearbeit

Die Pflege ist eine höchst individuelle Wissenschaft: Hier gibt es nicht wie in der Mathematik die eine richtige Lösung – stattdessen sind alle Patient:innen oder Bewohner:innen unterschiedlich, bringen ihre ganz individuellen Geschichten mit und bedürfen deshalb auch einer individuellen Behandlung und Pflege. Um dieser Einzigartigkeit besser gerecht zu werden und sie in die Pflege miteinzubeziehen, eignet sich die Biografiearbeit in der Altenpflege besonders gut. Dabei gehst du als Pflegekraft intensiv auf die Vergangenheit deiner Bewohner:innen ein und lernst sie so besser kennen – zugleich setzen sich die Bewohner:innen selbst mit ihren Erinnerungen auseinander, was aktivierend und gedächtnisfördernd wirken kann. Wie Biografiearbeit in der Altenpflege funktioniert und wann sie an ihre Grenzen stößt, liest du hier. 

Die Ziele der Biografiearbeit in der Pflege

Die Biografiearbeit in der Altenpflege dient dem besseren Verständnis zwischen Pflegekräften und Patient:innen. Durch die Aufarbeitung der Vergangenheit können Pflegekräfte die Bewohner:innen ihrer Einrichtung besser und individueller kennenlernen und so deren Verhaltensweisen und Bedürfnisse verstehen. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen können sich auch Änderungen oder Anpassungen in der Pflege ergeben. 

Doch nicht nur die Pflegekräfte profitieren in ihrer Arbeit von der Biografiearbeit in der Pflege. Aus Sicht der Bewohner:innen kann die gemeinsame Vergangenheitsarbeit mehr Vertrauen aufbauen und dazu führen, dass sie sich in der Einrichtung und mit den Pflegenden wohler fühlen. Es gibt ihnen die Möglichkeit, sich mitzuteilen, bedeutsame Interaktionen zu erleben und nicht zuletzt natürlich, sich an wichtige Erlebnisse in ihrer Vergangenheit zu erinnern. Zudem können die Erinnerungen für die Reflexion bedeutsam sein: Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Gegenwart oder die Zukunft ziehen?

Besonders wichtig ist die Biografiearbeit bei Demenz. Demente Menschen erinnern sich oft noch an länger zurückliegende Ereignisse. Diese können durch die gemeinsame Aufarbeitung bewahrt, oder sogar vergessen geglaubte Erinnerungen zurückgeholt werden. Hier verfolgt die Biografiearbeit Ziele wie Anregung der Gedächtnisleistung, aber auch eine verstärkte Kommunikation, welche die Lebensqualität erhöhen kann. 

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Methoden in der Biografiearbeit in der Pflege

Gemeinsam an der eigenen Biografie zu arbeiten, ist ein sehr persönliches Unterfangen, für welches eine gute Vertrauensbasis zwischen dir und den Bewohner:innen notwendig ist. Nur dann kann Biografiearbeit die Pflege wirklich verbessern. Wichtig ist es also zunächst einmal, dass du ein positives Umfeld schaffst, einen ruhigen Moment findest und Geduld und Zeit mitbringst. Anschließend kannst du die Biografiearbeit zum Beispiel mit einem einfachen Gespräch beginnen. Es existieren mehrere Methoden, die du anwenden kannst:

  • Zum einen ist da die biografische Gruppenarbeit. Dabei handelt es sich um Gespräche mit mehreren Bewohner:innen zur selben Zeit, welche durch die Pflegekräfte angestoßen und zum Beispiel durch das Zeigen von Bildern oder Gegenständen angeregt werden. Die Bewohner:innen können sich dabei untereinander austauschen und gegenseitig zu ihren Erfahrungen befragen.

  • Biografiearbeit in der Altenpflege findet auch oft im Einzelgespräch statt. Dieses kann anhand einer informellen Unterhaltung umgesetzt werden, in welchem etwa über die Jugend oder Kindheit gesprochen wird.

  • Eine strukturierte Gesprächsführung findet in der Biografiearbeit in der Pflege in Form eines biografisch-narrativen Interviews Anwendung. Dabei können die Bewohner:innen zunächst einmal frei erzählen, anschließend stellt die Pflegekraft konkrete Fragen zum Erzählten und schließlich zu Themen, welche noch nicht angesprochen wurden. Die Pflegekraft sollte wertende Kommentare oder Mimik bewusst vermeiden.

  • Eine der Methoden der Biografiearbeit bei Demenz ist die sogenannte aktivitätsorientierte Biografiearbeit. Dabei stehen im Gegensatz zu den gesprächsorientierten Ansätzen Tätigkeiten im Mittelpunkt, welche die Patient:innen an ihre Vergangenheit erinnern können. 

Biografie in der Altenpflege: Beispiele für Ansätze

Um alte Erinnerungen zu wecken, müssen Pflegekräfte oftmals kreativ sein. Nicht immer ist ein Gespräch die richtige Methode, Biografiearbeit mit Senioren zu betreiben. Stattdessen kannst du auf bestimmte Tätigkeiten oder Hilfsmittel zurückgreifen, welche die Personen dabei unterstützen, sich besser zu erinnern. So ist es möglich, dass du für die Biografiearbeit in der Pflege zum Beispiel Fotoalben hinzu ziehst, die du von Angehörigen bekommst. Die Fotos kannst du dann nutzen, um ein Gespräch zu beginnen. 

Besonders hilfreich ist auch Musik: Alte Lieder können konkrete Erinnerungen wecken oder ein lang vergessenes Lebensgefühl wieder herstellen. So kann bei der Biografiearbeit in der Altenpflege zum Beispiel gemeinsam gesungen werden. 

Um deine Biografiearbeit zu individualisieren, solltest du am besten Angehörige heranziehen und mit ihnen zusammen überlegen, wie am besten vorgegangen werden kann. Diese können dich auch unterstützen, indem sie dir persönliche Gegenstände wie Fotos, Briefe, Sammlerstücke etc. übergeben und dir mehr Hintergrundinformationen liefern. War der Bewohner zum Beispiel begeisterter Angler, kann eine Angel schöne Erinnerungen hervorrufen. Eine ehemalige Tänzerin freut sich bestimmt über ihre alten Tanzschuhe und erzählt daraufhin von ihren Auftritten.

Biografiearbeit in der Pflege: Das musst du beachten

Wenn du zusammen mit deinen Bewohner:innen in deren Vergangenheit eintauchst, dann wirst du dabei nicht nur auf schöne Erinnerungen stoßen. Alte Menschen haben oft ein bewegtes Leben mit vielen Höhepunkten, aber auch vielen Schicksalsschlägen hinter sich. Auch diese negativen Erinnerungen gehören zur Biografiearbeit in der Altenpflege. Du solltest also darauf vorbereitet sein, dass schwierige Themen aufkommen.
Vieles von dem, worüber du mit deinen Patient:innen sprichst, ist vertraulich und sollte auch so behandelt werden. Persönliche Geschichten und Gefühle solltest du bei der Biografiearbeit mit Senioren für dich behalten, um das Persönlichkeitsrecht zu wahren. Gleichzeitig ist es wichtig, neue (und nicht-vertrauliche) Erkenntnisse schriftlich festzuhalten. So können andere Pflegekräfte darauf zurückgreifen und anhand dessen ebenfalls mit den Bewohner:innen Gespräche führen oder ihre Pflegetätigkeit entsprechend anpassen. 

Die Grenzen der Biografiearbeit

Auch wenn es vielleicht nicht besonders schwierig klingt, kann die Biografiearbeit in der Pflege eine große Herausforderung sein. Nicht alle Pflegebedürftigen möchten über ihre Vergangenheit sprechen und sind bereit, Erinnerungen zu teilen. Um gute Biografiearbeit zu leisten, ist viel Feingefühl und Erfahrung notwendig. Gerade weil diese Art der Pflege sehr zeitaufwendig ist und viel Vertrauen benötigt, ist sie oftmals aufgrund von Personalknappheit nur schwer umzusetzen. Viele Einrichtungen haben einfach nicht die Kapazitäten, um es ihren Mitarbeiter:innen zu ermöglichen, lange Gespräche mit Bewohner:innen zu führen.
Zudem können bei der Biografiearbeit durch Pflegekräfte negative Erinnerungen heraufbeschworen werden, welche die Patient:innen unter Umständen stark belasten. Dadurch kann in besonders schlimmen Fällen eine Retraumatisierung entstehen. Da Pflegekräfte in der Regel nicht über eine psychologische Ausbildung verfügen, muss dann ein:e Psychotherapeut:in hinzugezogen werden, um diese Erfahrungen mit den Bewohner:innen aufzuarbeiten. 

Die Biografiearbeit in der Altenpflege bietet eine gute Möglichkeit zur Aktivierung von Patient:innen und zur Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses. Wichtig zu verstehen ist es für Pflegekräfte, dass es bei der Biografiearbeit in der Altenpflege nicht um eine reine Vergangenheitsbewältigung geht. Auch die Gegenwart und die Zukunft sollten in die Gespräche und die gemeinsamen Tätigkeiten miteinbezogen werden. So lassen sich aus der Vergangenheit hilfreiche Schlüsse ziehen. 

Die Zukunft der Pflege

Wie kann die Pflege der Zukunft aussehen? Wie kann sie verbessert werden?

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