Alte Hände stecken Puzzleteile zusammen, die die Form eines Kopfes ergeben.

Verfasst von Laura Hörner. Veröffentlicht am 01.11.2021.

Arbeit mit Demenzkranken: Wenn Vergessen zum Alltag gehört

Von Kommunikationsstrategien bis zu Aktivierungsmaßnahmen

Vergesslichkeit, Aggressionen, Persönlichkeitsveränderungen, Halluzinationen: Das Krankheitsbild von Demenz ist nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Angehörigen sehr belastend. Viele schaffen es sich nicht, sich ohne Unterstützung um ihre an Alzheimer bzw. Demenz erkrankten Familienmitglieder oder Freunde zu kümmern. Doch nicht nur pflegende Angehörige, sondern auch professionelle Pflegekräfte wissen nicht in jeder Situation, wie sie reagieren oder auf den Patienten oder die Patientin eingehen sollen. Ob du als examinierte Pflegekraft tätig bist, als Betreuerin oder Betreuer arbeitest, oder dich um deine Eltern oder andere Verwandtschaft kümmerst: Wir geben dir wertvolle Tipps und zeigen dir Strategien, um die Arbeit mit Demenzkranken zu erleichtern.

Mehr als „nur“ Pflege: Warum die Arbeit mit Demenzkranken sich lohnt

Gerade wer Demenzkranke in der Familie hat, weiß, wie schwierig das Zusammenleben mit einem Menschen sein kann, der sein Gedächtnis verliert. Warum also sollte jemand mit Demenzkranken arbeiten wollen? 

Ob du als Betreuerin oder Betreuer Demenz-Hilfe für Angehörige leistest oder in einem Pflegeheim für Demenzkranke in der Nähe arbeiten möchtest: Es gibt zahlreiche Gründe dafür, warum sich die Arbeit mit Demenzkranken lohnt. Zwar fallen auch hier immer wieder klassische pflegerische Aufgaben an – Demenzkranke sind schließlich nicht sicher vor anderen (Alters)erkrankungen –, jedoch steht die Arbeit mit dem Menschen an sich im Mittelpunkt. Du kannst dich intensiv mit den Patient:innen beschäftigen, lernst sie und ihre Vergangenheit kennen und kannst sie dabei unterstützen, trotz ihrer Diagnose und den damit einhergehenden geistigen Einschränkungen ein den Umständen entsprechend selbstbestimmtes und glückliches Leben zu haben – welches sie ohne dich und deine Unterstützung vielleicht nicht hätten.

Menschen, die mit Demenzkranken zusammenarbeiten, berichten zwar oft von schwierigen und frustrierenden Situationen in der Betreuung. Was aber im Gedächtnis bleibt, sind die kleinen Momente: Ein Patient, der von einer glücklichen Kindheitserinnerung erzählt, eine Patientin, die beim gemeinsamen Backen richtig in ihrer Tätigkeit aufgeht, oder der Patient, der sich plötzlich an etwas erinnert, das schon längst vergessen geglaubt war. 

Kommunikationstechniken helfen bei der Verständigung

Der Umgang mit Demenzkranken stellt nicht nur Angehörige, sondern auch erfahrene Pflegekräfte manchmal vor Herausforderungen und Schwierigkeiten. Das liegt daran, dass viele Menschen nicht wissen, wie sie richtig mit den Betroffenen sprechen sollen. Auch wenn Angehörige beim Thema Demenz ratlos sind, dann liegt das oftmals daran, dass sie keine passenden Kommunikationstechniken kennen, um richtig mit den erkrankten Verwandten umzugehen.

Wichtig ist zunächst einmal, bei der Arbeit mit Demenzkranken nicht zu autoritär aufzutreten. Auch wenn keine Unterhaltung auf Augenhöhe mehr möglich ist, sollte der nötige Respekt nicht verloren gehen – schließlich kommunizieren immer noch zwei erwachsene Menschen miteinander. Forderndes Verhalten wie ständiges Fragen nach dem Wochentag oder dem eigenen Namen ist – auch wenn es gut gemeint ist – fehl am Platz. Stattdessen kannst du einige Tipps befolgen, um beim Arbeiten mit Demenzkranken eine bessere Verständigung zu ermöglichen:

  • Lass dich auf den/die Erkrankte:n ein: Erzählt diese zum Beispiel von ihrem verstorbenen Vater als sei dieser noch am Leben, dann korrigiere nicht, sondern zeige Interesse und stelle Fragen.

  • Zeige dich empathisch und nehme die Gefühle der Betroffenen ernst. Sind diese zum Beispiel aufgewühlt, helfen Sätze wie: „Ich weiß, Sie sind gerade sehr nervös. Aber wir werden uns gemeinsam um das Problem kümmern, machen Sie sich keine Sorgen.“

  • Versuche, ängstliche Patient:innen durch sogenannte Schlüsselreize auf andere Gedanken zu bringen. Dabei helfen Erinnerungen aus deren Vergangenheit, zum Beispiel: „Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals beim Tennisturnier Erster geworden sind?“ Informiere dich dazu über die Geschichte der Patientin oder des Patienten und prüfe, welche positiven Erinnerungen noch vorhanden sind.

  • Gerade im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit solltest du bei der Arbeit mit Demenzkranken einfache Sätze benutzen und Wichtiges öfters wiederholen. Vermeide Ironie oder Metaphern, weil diese oft nicht mehr verstanden werden.

  • Stelle simple Ja/Nein-Fragen anstatt offener Fragen, wenn du das Gefühl hast, dass dein Gesprächspartner überfordert ist: Diese können leicht beantwortet werden und beanspruchen nicht zu viel Denkleistung.

  • Die Körpersprache spielt eine große Rolle im Umgang mit Demenzkranken. So ist es wichtig, diese von vorn anzusprechen und Blickkontakt zu halten. Auch die Betonung der Mimik und Gestik hilft dabei, dass Emotionen und Aussagen oder Informationen besser verstanden werden.

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Backen, basteln, tanzen: Diese Beschäftigungen kommen gut an

Was tust du mit einem Menschen, der unter einem schlechten Gedächtnis leidet und sich vielleicht schon gar nicht mehr an das erinnert, was du ihm vor ein paar Minuten erzählt hast? Da gibt es mehr Möglichkeiten als du denkst! Zum einen sind da praktische Beschäftigungen, welche die Demenzkranken vielleicht aus ihrer Kindheit kennen. Gemeinsam backen, basteln oder musizieren macht nicht nur den Betroffenen, sondern auch dir Spaß. Wie wäre es zum Beispiel damit, ein Fotoalbum zusammenzustellen? Hilfreich sind auch körperliche Betätigungen wie Spaziergänge, kleine Wanderungen in sicherer Umgebung oder auch Bewegung zu Musik. 

Ruhigere Beschäftigungen können zum Beispiel das gemeinsame Lesen sein: Entweder du oder der beziehungsweise die Demenzkranke kann eine Geschichte vorlesen – etwa bekannte Märchen.

Kleine Denkspiele können bei der Arbeit mit Demenzkranken sinnvoll sein, weil Gedächtnistraining Demenz verlangsamen kann. So kannst du zum Beispiel die Person bitten, bekannte Sprichwörter zu vervollständigen oder alte Lieder zu erraten, welche du summst. Auch Puzzles oder Memory sind einfach verständlich und helfen beim Konzentrationstraining. 

Häufige Fehler bei der Arbeit mit Demenzkranken & Tipps zur Vermeidung

Fehler Nr. 1: Alle Demenzkranken sind gleich

Beim Umgang mit Demenz solltest du auf keinen Fall vergessen, dass Demenz nicht gleich Demenz ist. Denn sowohl das Stadium der Krankheit kann sehr unterschiedlich sein als natürlich auch der Charakter und die persönlichen Eigenschaften oder Fähigkeiten der Betroffenen. Deshalb solltest du dich bei der Arbeit mit Demenzkranken auf jeden Patienten und jede Patientin neu einstellen.

Fehler Nr. 2: Die Patientinnen und Patienten überfordern

Aktivierung ist wichtig und selbstverständlich sind je nach Stadium auch Beschäftigungen für Demenzkranke geeignet, die etwas anspruchsvoller sind und die Patientinnen und Patienten fordern. Wichtig ist dabei aber, dass sie auf keinen Fall überfordert werden. Das kann zu Aggressionen oder zu Resignation führen und ist alles andere als zielführend. Merkst du also, dass eine Tätigkeit zu schwierig ist beziehungsweise der Patient oder die Patientin das Interesse verliert, dann beende diese lieber.

Fehler Nr. 3: Ablehnung nicht akzeptieren

Während der Arbeit mit Demenzkranken wird es dir immer wieder passieren, dass Patientinnen oder Patienten sich dir gegenüber ablehnend benehmen oder die von dir vorgeschlagenen Beschäftigungen ablehnen. Dies solltest du akzeptieren und sie nicht zu etwas drängen, das sie nicht tun möchten.

Fehler Nr. 4: Kritisieren und korrigieren

Vermeide es, negative Dinge hervorzuheben und Patientinnen und Patienten Vorwürfe zu machen, ihr Verhalten zu kritisieren oder mit ihnen Diskussionen zu beginnen. In der Regel führt dies zu negativen Reaktionen.

Fehler Nr. 5: Soziale Isolation

Demenzkranke benötigen soziale Interaktion, um geistig fit zu bleiben. Weil sie sich oft nicht mehr selbstständig verabreden oder sich in der Öffentlichkeit bewegen können, kommt der Austausch mit anderen leider zu kurz. Insofern die Patientin oder der Patient es möchte und positiv darauf reagiert, solltest du also mit ihr oder ihm kleine Ausflüge machen, Verwandte einladen oder gemeinsame Aktivitäten mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern planen.

Die Arbeit mit Demenzkranken ist nicht immer intuitiv: Manchmal musst du Kommunikationsstrategien anwenden, die vielleicht gar nicht deinem Charakter entsprechen. Wie alles andere ist das Arbeiten mit Demenzkranken und die Kommunikation mit ihnen jedoch Übungssache. So wie du dich fachlich weiterbilden kannst, kannst du durch praktische Erfahrungen auch immer mehr Sicherheit und Souveränität im Umgang mit Betroffenen gewinnen und so Situationen bald ganz einfach meistern, die dich jetzt vielleicht noch überfordern. Wichtig ist es, dich in die Patientinnen und Patienten hineinzuversetzen und die Welt zu verstehen, in welcher sie leben: Denn diese ergibt auf ihre ganz eigene Weise Sinn.