Eine alte Mann und ein alter Frau liegen im Bett und grinsen verschmitzt.

Verfasst von Laura Hörner. Veröffentlicht am 14.10.2020.

Sexualität im Alter: Intimität im Pflegeheim?

Wie Pflegekräfte mit der Lust im Alter umgehen sollten

Sieht man sich im Internet um, könnte man glauben, dass nur Menschen unter 40 Sex haben. Denn in den Medien wird die Sexualität von alten Menschen nicht nur tabuisiert, sie wird praktisch ignoriert. Dabei verschwindet das sexuelle Verlangen nicht einfach, wenn man eine bestimmte Altersgrenze überschreitet. Und genauso wie viele junge Menschen gar nicht oder nur sehr wenig sexuell aktiv sind, sind einige Menschen im hohen Alter eben noch aktiv. Dennoch verändert sich die Sexualität über die Jahre. In welcher Form und was das für die Pflege bedeutet, sehen wir uns in diesem Artikel an.

Alterssexualität in Zahlen

Alterssexualität ist nicht besonders gut erforscht – was nicht zuletzt an dem gesellschaftlichen Stigma liegt. Dennoch gibt es einige Studien, die zeigen, dass die Lust im Alter nicht einfach aufhört. So sind Männer von 51-60 Jahren, die in einer Partnerschaft leben, noch zu 89% sexuell aktiv, bei Frauen sind es 85,6%. Deutlich weniger sind es bei älteren Singles. In derselben Altersgruppe haben laut der Studie noch 55,3% der Männer und nur 25,3% der Frauen ein aktives Sexleben. Heben wir den Altersdurchschnitt noch einmal deutlich an, sinken die Zahlen schnell ab. Bei den Männern über 80 sind noch 30,8% in einer Partnerschaft sexuell aktiv, Singles zu 7,1%. Bei den vergebenen Frauen sind es hingegen 25%, während alleinstehende Frauen über 80% nach den Ergebnissen der Studie praktisch keinen Sex mehr haben. 

 

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Hormonchaos und andere Hürden

Doch woher kommt diese Wandlung in der Sexualität? Natürlich verändert sich der Körper, wenn wir älter werden – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Im Zusammenhang mit der Sexualität spielen hier vor allem die Hormone eine große Rolle. So sinkt bei den Frauen im Alter der Östrogenspiegel, was eine Veränderung der Libido zur Folge hat. Bei den Männern hingegen führt der Abfall des Testosteronspiegels dazu, dass eine Erektion nicht mehr so lange aufrechterhalten werden kann oder eine stärkere Stimulation notwendig ist, damit diese erst einmal entsteht. Erektionsstörungen sowie auch Erregungsstörungen bei der Frau sind im Alter also viel häufiger als bei jungen Leuten. Das hat zur Folge, dass viele Ältere Intimität dem Sex vorziehen.
 

Nicht nur die hormonellen Veränderungen machen Sex im Alter anders beziehungsweise schwieriger. Dazu kommt natürlich eine allgemein schlechtere körperliche Verfassung: Sex mit Arthrose, schmerzenden Knien oder gar nach Operationen oder Krebsbehandlungen erfordert mehr Rücksicht und kann auch dazu führen, dass die Lust daran ganz vergeht. 


Umso älter wir werden, umso mehr sind wir auch auf Medikamente angewiesen – von denen viele die Libido beeinflussen. Psychopharmaka oder blutdrucksenkende Medikamente sorgen zum Beispiel dafür, dass die Lust auf Sex nachlässt. Zu all diesen veränderten Umständen kommt dann noch die unausweichliche Tatsache, dass sich der eigene Körper in eine Richtung verändert, die von der Gesellschaft nicht mehr als „sexy“ wahrgenommen wird. Und das färbt auch auf das Selbstbild ab: Viele ältere Menschen finden sich mit schlaffer Haut nicht mehr attraktiv und schämen sich. Kommt dann noch Inkontinenz dazu, trauen sich die meisten nicht mehr, ihre Sexualität auszuleben.

Sexualität in der Pflege – Sex im Krankenbett?

Klar ist nun, dass auch Menschen über 60 und sogar über 80 noch sexuelle Wünsche und Bedürfnisse haben – auch den Wunsch nach sexueller Selbstbestimmung. Gerade in Kliniken und vor allem Pflegeheimen steht der Auslebung jedoch meist die Wohnsituation im Wege. Sex im Zweibettzimmer scheint unmöglich und in vielen Pflegeeinrichtungen werden sogar gegenseitige Besuche untersagt, um die Entstehung von sexuellen Beziehungen zu verhindern. Einigen Bewohnern fehlen darüber hinaus die Mittel oder die körperliche Fähigkeit zur Selbstbefriedigung. Dazu kommt, dass Pflegekräfte in diesem Thema nicht ausreichend geschult sind und aufgrund von Scham oder Unwissen am liebsten gar nicht damit konfrontiert werden möchten.
 

Durch diese Tabuisierung des Themas kommt es dann erst gar nicht zu einem Austausch über die Bedürfnisse der Patienten und diese werden praktisch totgeschwiegen.


Dennoch ändert sich, wenn auch nur langsam, etwas in den Einrichtungen und das Thema kommt aus seiner verstaubten Ecke hervor. Und immer mehr zeigt sich auch: Den Bewohnern von Pflegeheimen die Auslebung ihrer Sexualität zu ermöglichen, ist sehr schwierig. Ein Grund dafür ist, dass das Thema nur schwer angesprochen werden kann. Gerade bei älteren Menschen, die es nicht gewohnt sind, offen über ihre Sexualität zu sprechen, ist die Kommunikation nicht einfach, wenn man die Patienten nicht kränken möchte. Oft lässt sich also gar nicht erkennen, ob ein Bewohner sich mehr Freiraum zur Auslebung seiner Bedürfnisse wünscht. Dazu kommen in manchen Fällen noch die Angehörigen, die der Sexualität ihrer Eltern oder Geschwister selbst negativ oder beschämt gegenüberstehen und diese unterbinden möchten.

Hilfe zur Selbsthilfe – von Kupplern bis zur Assistenz

Was Pfleger jedoch tun können, ist, die Privatsphäre der Bewohner zu akzeptieren. Besucht ein Bewohner eine Bewohnerin auf dem Zimmer, sollte das Treffen nicht unterbrochen werden. Beziehungen zwischen Patienten können unterstützt werden, indem sie zum Beispiel auf ein gemeinsames Zimmer verlegt werden und vor allem Ehepaare schon gar nicht erst getrennt werden. Allein schon das konsequent eingehaltene Anklopfen vor dem Eintreten ins Zimmer kann den Bewohnern das nötige Vertrauen geben, sich in einer ruhigen Minute selbst befriedigen zu können, ohne Gefahr zu laufen, in einer unangenehmen Situation „erwischt“ zu werden. 
 

Selbstverständlich können Pfleger auch versuchen, ein bisschen nachzuhelfen.


Aus der Scham heraus trauen sich viele alte Menschen nicht mehr, eine Beziehung einzugehen oder zu flirten. Ein offener Umgang mit dem Thema kann helfen: So schadet es nicht, als Pfleger:in ein wenig zu kuppeln und vielleicht Frau Müller darauf hinzuweisen, dass Herr Mayer beim Kaffee öfters mal herüber geschaut hat. Andererseits sollte dabei natürlich berücksichtigt werden, dass die Patient:innen ihre eigenen Entscheidungen fällen möchten und müssen. Hier ist also Fingerspitzengefühl gefragt und auf keinen Fall sollten Bewohner zu etwas gedrängt oder in unangenehme Situationen gebracht werden – denn auch sexuelle Übergriffe zwischen Bewohnern sind natürlich nicht auszuschließen.

Auf der anderen Seite stehen die Patienten, die die Pflegerinnen und Pfleger sexuell belästigen. Hier muss durchgegriffen werden, denn sexuelle Belästigung bleibt sexuelle Belästigung, egal, wie alt der Täter ist. Auf keinen Fall sollte dieses Verhalten also heruntergespielt werden. Für solche Bewohner gibt es, wenn die Angehörigen sich das leisten möchten, eine sogenannte Sexualassistenz. Diese Frauen und Männer helfen den alten oder auch behinderten Menschen, ihre Sexualität auszuleben und können zum Beispiel beauftragt werden, wenn Bewohner sich besonders „auffällig“ verhalten – oder man einem Bewohner einfach eine Freude machen möchte. Die Assistenz muss die Patienten nicht unbedingt zum Orgasmus bringen, manchen reicht einfach schon die körperliche Nähe zu einem Menschen, der sie nicht abweist. Solche Besuche können oft Wunder wirken.

Sexualität im Alter sollte kein Tabu sein, sondern offen gelebt werden dürfen. Auch im Alter muss für pflegebedürftige Menschen die Selbstbestimmung und ihre Würde erhalten bleiben – und dazu gehört eben auch sie eigene Sexualität. Bis dies auch in Pflegeeinrichtungen ankommt, ist es ein weiter Weg. Der erste Schritt ist schon damit getan, das Thema auch unter den Kollegen offen anzusprechen, Lösungen zu finden, den Bewohnern und Bewohnerinnen Privatsphäre zu bieten und sie aktiv zu unterstützen, auch untereinander intim werden zu können, wenn sie dies möchten.