Eine Pflegerin und eine alte Frau lachen

Verfasst von Sarah Derkaoui. 

Duzen oder Siezen, was ist besser in der Pflege?

Welche Regeln gelten in der Kommunikation mit Patient:innen?

Duzen oder Siezen – an dieser Frage scheiden sich die Geister, wenn es um die bessere Anrede bei der Kommunikation mit Patienten in der Pflege geht. In diesem Artikel haben wir für dich zusammengefasst, was jeweils für das “Du” oder “Sie” spricht. Außerdem liest du, wie du am besten reagierst, wenn Pflegebedürftige dir das “Du” anbieten – und in welchen Bereichen das Duzen sogar eine erfolgreiche Pflegebeziehung gefährden kann.

Duzen oder Siezen in der Pflege: Das Wichtigste in Kürze

  • Das “Du” ist in unserer Kultur eine informelle Kommunikationsform. “Du” kann dabei zwei Dinge bedeuten: Einerseits steht es für Gleichheit und Nähe, wenn wir Freunde, Kolleg:innen und vertraute Menschen duzen. Andererseits kann ein herablassendes “Du” auch wie eine Grenzübertretung wirken und eine entwürdigende Machtdemonstration darstellen. 
  • Das “Sie” ist eine höfliche, formelle Kommunikationsform, mit der wir Distanz und Respekt ausdrücken. In der Regel siezen wir ältere und sozial höher gestellte Menschen.

Auf die Frage, ob Duzen oder Siezen in der Patientenkommunikation angebrachter ist, gibt es viele Antworten. Einen gemeinsamen Nenner haben sie alle: Letztlich geht es darum, die Pflegebedürftigen zu erreichen, ihnen zu vermitteln, dass sie verstanden werden und dabei gleichzeitig die professionelle Distanz zu wahren. Für die Kommunikation mit Patient:innen in der Pflege bedeutet das, dass eine Entscheidung für das Duzen oder Siezen für jeden Einzelfall wohlüberlegt getroffen werden sollte. Was spricht also wofür?

Patienten duzen: Pro & Contra

“Hey, du da!” – Wurdest du im Alltag schon einmal auf eine Weise geduzt, die sich unbehaglich angefühlt hat? So sehr das Duzen Hürden überwinden kann, so kann es auch wie eine Verletzung der Privatsphäre beim Gegenüber ankommen. Sehen wir uns an, was das für das Duzen in der Pflege heißt.

Die Vorteile des “Du” in der Patientenkommunikation

  • Duzen kann Türen öffnen: Manche Menschen, die an Demenz erkrankt sind, sind über das “Du” und die Anrede mit Vornamen besser erreichbar und nur auf diese Weise bereit, die professionelle Pflegeversorgung überhaupt anzunehmen. Das heißt allerdings nicht, dass du alle Pflegebedürftigen mit Demenz automatisch duzen solltest – hier sind die Umstände des Einzelfalls entscheidend.
  • Duzen kann Vertrauen schaffen: Wie fremd bist du einem Pflegebedürftigen wirklich noch, den du jahrelang täglich pflegst? Manche Patient:innen ertragen diese Situation besser, wenn sie von ihrer Pflegekraft geduzt werden. Kommst du diesem Wunsch nach, kannst du dies als Chance nutzen, eine persönlicher wirkende Atmosphäre und eine bessere Kommunikationsbasis zu schaffen.
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Die Nachteile des “Du” als Anrede in der Pflege

  • “Du” kann die professionelle Distanz gefährden: Ein “zu viel” an Nähe oder das Übertreten von Normen kann dabei sowohl von Patient:innen, als auch von Pflegepersonen ausgehen. Durch das Duzen werden manche Patient:innen womöglich ermutigt, dir intime oder private Fragen zu stellen. Bei Pflegenden kann sich ein bevormundender Umgang à la “Stell dich mal nicht so an” einschleichen, bei dem der nötige Abstand und Respekt fehlt.
  • “Du” kann entwürdigend sein: Hier greift das bekannte Sprichwort “Der Ton macht die Musik”. Zwischen Patient:innen und Pflegekräften besteht aufgrund der Natur der Pflegebeziehung ein deutliches Machtverhältnis. Ein herablassender Umgangston und das Duzen als Machtdemonstration sind deshalb absolut tabu.

Wichtig: Die Entscheidung für das “Du” ist immer fallabhängig und kann auch situativ erfolgen. Wichtigste Voraussetzung für das langfristige Duzen ist das Einverständnis des Patienten oder der Patientin. Ist dieses aufgrund seiner oder ihrer Erkrankung nicht einholbar, spreche dein Vorgehen mit der Pflegeleitung und ggf. den Angehörigen ab.

Siezen in der Kommunikation mit Patienten: Pro & Contra

Die Beziehung zwischen dir und deinen Schützlingen ist asymmetrisch, es handelt sich um ein Abhängigkeitsverhältnis. Bei der Frage nach Duzen oder Siezen bevorzugen viele Pflegende deshalb das “Sie”, um trotz dieser Umstände Respekt, Anerkennung und Wertschätzung in der Pflegebeziehung zu wahren.

Die Vorteile des “Sie” beim Kommunizieren mit Patienten

  • “Sie” steht für die respektvolle Bewahrung der Menschenwürde: Pflegerische Aufgaben wie etwa die Säuberung des Intimbereichs übertreten regelmäßig die Schamgrenzen und lassen die Patient:innen ihre Hilfebedürftigkeit besonders spüren. Das Siezen kann hier ein Weg sein, die Distanz wiederherzustellen und den Pflegeprozess würdevoll zu gestalten.
  • “Sie” setzt klare Grenzen: Das gilt für beide Seiten. In unserer Sprache ist das Siezen eine Form des höflichen Sprechens. Die Distanz, die das Siezen mit sich bringt, schafft Klarheit. 
  • “Sie” ist anpassungsfähig: Siezen funktioniert auch, wenn du es mit dem Vornamen kombinierst. Das kann, etwa bei an Demenz Erkrankten, oft ein Mittelweg sein, wenn du das Duzen vermeiden möchtest.

Die Nachteile des “Sie” in der Pflege

  • “Sie” kann ausschließend wirken: Werden manche Patient:innen geduzt und andere gesiezt, kann dies zu Missverständnissen führen. Da wir das Duzen in der Regel mit Vertrautheit assoziieren, kann das Festhalten am “Sie” sich für andere Patient:innen so anfühlen, als ob ihnen die Sympathie entzogen wurde, oder sie aus dem inneren Kreis ausgeschlossen wurden.
  • “Sie” kann die Kommunikation erschweren: Manche Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Erkrankungen wie Demenz reagieren nicht, wenn sie gesiezt werden, weil sie sich schlicht nicht angesprochen fühlen. Die Entscheidung, zum “Du” überzugehen, sollte dennoch begründet und in der Pflegeplanung dokumentiert werden. 
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Siezen in der Pflege: In diesen Bereichen ist es besonders wichtig!

Du arbeitest im Maßregelvollzug oder in der Psychiatrie? Dann unterscheiden sich deine täglichen Aufgaben und dein Arbeitsalltag z.B. erheblich von Pflegekräften, die ambulant ältere Menschen betreuen. Für die Frage nach dem Duzen oder Siezen in der Kommunikation mit Patienten spielt der Bereich, in dem du tätig bist, eine wesentliche Rolle. 

In diesen Bereichen drückt das Bestehen auf dem “Sie” professionelle Arbeit aus:

  • Psychiatrie
  • Maßregelvollzug
  • somatische Stationen im Klinik- und Krankenhausbereich

Eine gute Pflegebeziehung ist in diesen Fällen vor allem von gegenseitigem Respekt und festgesteckten Grenzen abhängig. Besonders, falls du im Maßregelvollzug und in der Psychiatrie arbeitest, ist es wichtig, die eigene Beziehung zu Patient:innen immer wieder professionell zu reflektieren und die Grenzen zwischen Persönlichem und Professionellem nicht verschwimmen zu lassen.   

Das Bestehen auf das Siezen kann dabei helfen, sich zu distanzieren und die eigene Professionalität zu wahren, um deinem Pflegeauftrag gerecht werden zu können.

Duzen in der Pflege: Was tun, wenn zu Pflegende dir das “Du” anbieten?

In bestimmten Bereichen – dazu zählen etwa die forensische Pflege im Maßregelvollzug und die Pflege in der Psychiatrie – ist die Vermittlung gesellschaftlicher Normen ein wichtiger Teil des Pflegeauftrags. Das Duzen ist hier nicht angebracht und kann in einigen Fällen sogar die professionelle Distanz gefährden. Hier bist du in der Regel besser beraten, wenn du das Angebot zum “Du”, nicht annimmst und deine Patient:innen weiterhin siezt. Hältst du diese Grenze aufrecht, legst du die Basis für einen respektvollen, distanzierten Umgang.

Anders sieht die Situation etwa in der Langzeitpflege aus. Gibt es von der Pflegeleitung keine anderslautenden Regeln, bleibt es dir überlassen, ob du mit dem gegenseitigen “Du” leben kannst. Solange das Duzen nicht deine Pflegebeziehung beeinflusst, spricht nichts dagegen, sich darauf einzulassen und womöglich dazu beizutragen, dass dein Schützling sich wohler fühlt. Falls du das nicht möchtest, kannst du höflich ablehnen und dich auf die Kommunikationsregeln der Pflege- oder Heimleitung berufen.

Fazit: Duzen oder Siezen – das ist in der Pflege von vielen Faktoren abhängig

“Du, Helga” oder besser “Frau Müller”? Das Duzen oder Siezen in der Kommunikation mit Patient:innen ist eine Entscheidung, die begründet und fallabhängig getroffen werden muss. In diesem Artikel haben wir dir gezeigt, was jeweils für und gegen das “Du” oder “Sie” als Anrede in der Pflege spricht, in welchen Bereich das “Sie” besonders wichtig ist und was du tun kannst, wenn Patient:innen dir plötzlich das “Du” anbieten. Eines solltest du allerdings nicht vergessen: Ein einmal angenommenes “Du” lässt sich schlecht wieder zurücknehmen.