Ein Mann sitzt in einem leeren Hörsaal und liest etwas

Verfasst von Laura Hörner. Veröffentlicht am 13.12.2021.

Akademisierung der Pflege: Wo steht Deutschland?

Und: warum das Pflegestudium derzeit noch so unattraktiv ist

10 bis 20 Prozent der deutschen Pflegekräfte sollte über einen Bachelor-Abschluss verfügen – das war schon im Jahr 2012 die Empfehlung des Nationalen Wissenschaftsrat. Seitdem wurden zwar mehr Möglichkeiten für Pflegerinnen und Pfleger geschaffen, an Hochschulen zu studieren, doch die geforderten Zahlen kann die Pflege in Deutschland noch lange nicht vorweisen: Weniger als 1% der Pflegekräfte in Altenheimen und ambulanten Pflegediensten haben einen Hochschulabschluss. Pflege zu studieren ist in Deutschland nicht attraktiv genug und wird im Gegensatz zu Ländern wie den USA oder vielen skandinavischen Staaten von der Gesellschaft, den Einrichtungen sowie den Pflegekräften selbst nicht genug wertgeschätzt. Warum die Pflegeausbildung eine Akademisierung benötigt und wie das in Deutschland gelingen kann, liest du hier.

Diese Vorteile bringt eine Akademisierung der Pflege

Braucht man wirklich ein Pflegestudium, um eine gute Pflegekraft zu sein, fragst du dich jetzt vielleicht. Die Antwort lautet natürlich: Nein. Die generalistische Pflegeausbildung, wie sie 2020 durch die Reform der Pflegeberufe eingeführt wurde, bietet gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausbildung. Doch warum wird dann eine Akademisierung der Pflege angestrebt?

Im Gegensatz zu einer praktischen Ausbildung ist ein Pflegestudium viel theorielastiger: Es werden innovative Herangehensweisen gelehrt, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse weitergegeben, aber auch abstrakte Konzepte behandelt. Die Studentinnen und Studenten forschen selbst an neuen Methoden und können so dazu beitragen, dass sich die Pflege weiterentwickelt – und zwar auf wissenschaftlicher Basis. Da die Akademisierung der Pflege in Deutschland noch nicht besonders fortgeschritten ist, sind Einrichtungen in der Praxis oftmals nicht mehr auf dem neuesten Forschungsstand. Studierte Pflegekräfte sollen neue Erkenntnisse mit in den Berufsalltag bringen. 

Außerdem hoffen Expertinnen und Experten, dass eine Akademisierung die Pflege aufwerten könnte. Durch das fehlende Studium erscheint der Berufszweig vielen jungen Menschen mit Abitur nicht geeignet für eine Karriere. Die Akademisierung könnte dazu führen, dass der Pflegeberuf attraktiver und auch im Gesundheitssystem selbst mehr geschätzt wird. 

Haben studierte Pflegekräfte einen Platz im System? 

Im Allgemeinen werden die Anstrengungen zur Akademisierung in der Pflege von Expertinnen und Experten positiv bewertet, da diese die Qualität der Pflege verbessert. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. Diese geben zum Beispiel zu bedenken, dass die studierten Pflegekräfte oftmals „weg vom Bett“ möchten, also keine klassischen Pflegetätigkeiten mehr übernehmen. Es entstehe damit sozusagen eine neue Position zwischen traditionellen Pflegekräften und Ärztinnen beziehungsweise Ärzten. Diese neue Hierarchie könnte zu Problemen führen.

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Akademisierung der Pflege: Das Studium muss attraktiver werden

Das duale Studium der Pflege wurde bereits 2004 eingeführt und auch diverse Studiengänge wie Pflegewissenschaft oder Gerontologie existieren bereits seit vielen Jahren. Oftmals nutzen examinierte Pflegekräfte diese, um sich weiterzubilden, oder die Absolventen wählen im Anschluss keinen Pflegeberuf, sondern bleiben in der Forschung oder gehen in die Beratung.

Erst seit 2020 ist es jedoch möglich, Pflege zu studieren und damit gleichzeitig einen Bachelor of Science zu erhalten als auch den Abschluss zum Pflegefachmann beziehungsweise zur Pflegefachfrau. Möglich machen das die rund 2.300 Praxisstunden, die in der Regel in den Semesterferien abgeleistet werden – und hier ergibt sich schon das erste Problem: Diese Praktika sind nämlich verpflichtend, werden aber nicht bezahlt. 

Pflege zu studieren muss man sich leisten können

Das ist im Studium zunächst einmal nicht so ungewöhnlich. Da es sich um sehr umfangreiche Praktika mit Schicht- und Wochenendarbeit handelt, haben die Studentinnen und Studenten jedoch in der Regel keine Zeit mehr, Nebenjobs anzunehmen und damit ihr Studium zu finanzieren. Sie sind also drei Jahre lang praktisch ohne Einkommen – und das muss man sich erst einmal leisten können. Das Bafög kann hier zwar Abhilfe schaffen, nicht jeder hat jedoch Anspruch darauf und vor allem in teuren Studentenstädten kann es trotz Förderung knapp werden. Anders in dem dualen Studium der Pflege: Hier werden Studentinnen und Studenten bezahlt.
Nicht nur die Studierenden müssen finanzielle Defizite in Kauf nehmen. Um die Praxisstunden gewährleisten zu können, müssen die Hochschulen mit Pflegeeinrichtungen kooperieren. Auch diese werden momentan nicht für ihre Ausbildungsleistung entschädigt, was stark kritisiert wird.

Fehlende Jobchancen nach dem Studium

Zu den unbezahlten Praktika kommt, dass die Jobmöglichkeiten nach dem Studium zu wünschen übrig lassen. So soll die Akademisierung der Pflege in der Theorie die Absolventinnen und Absolventen befähigen, ihre Kenntnisse mit in die Einrichtungen zu bringen und dort aktiv die Pflege weiterzuentwickeln. Entsprechende Stellen gibt es dafür aber nur wenige. Wer ein Pflegestudium absolviert, bewirbt sich deshalb oft auf dieselben Stellen wie Pflegekräfte, die eine generalistische Pflegeausbildung abgeschlossen haben. 

Bisher verdienen Pflegekräfte mit Studium auch noch nicht bedeutend mehr als solche ohne akademischen Hintergrund. Erst wenn diese in der Hierarchie aufsteigen (zum Beispiel als Stationsleitung), steigt auch das Gehalt. Das führt besonders bei denjenigen zu Frustration, die vor dem Studium schon als Pflegekraft gearbeitet haben und sich durch die Weiterbildung eigentlich einen Karrieresprung erhofft hatten. Doch auch für Berufseinsteiger stellt sich die Frage: Warum Pflege studieren, wenn dann keine besseren Stellen als nach der Pflegeausbildung warten? 

Dieses Dilemma führt dazu, dass sich die Nachfrage für das Pflegestudium sehr in Grenzen hält. Nicht einmal 50% der Studienplätze sind besetzt, was ein eindeutiger Indikator dafür ist, dass das Studium in Hinblick auf Jobchancen und Verdienstmöglichkeiten nicht attraktiv genug ist.

Vorbilder aus dem Ausland: Akademisierung in Schweden und Co.

Während in Deutschland der Pflegeberuf fast ausschließlich von Fachkräften ausgeübt wird, die eine Pflegeausbildung absolviert haben, führt in Ländern wie Schweden, den USA, Frankreich oder Großbritannien der Weg in die Pflege über die Universitäten. Und das hat sich bewährt: Hier übernehmen Pflegekräfte zum Teil Aufgaben, die in Deutschland Ärzten vorbehalten sind. 

In Schweden zum Beispiel wenden sich Patientinnen und Patienten bei Beschwerden zunächst an Pflegekräfte, welche sie dann an die entsprechenden Ärztinnen und Ärzte weiterleiten, sie führen Hausbesuche durch und können sogar manche Medikamente selbst verschreiben. Sie genießen damit viel mehr Eigenständigkeit als Pflegekräfte in Deutschland. Der Grund: Schon seit 1977 ist die Pflege hier akademisiert, wer als Pflegefachkraft arbeiten möchte, muss studieren. Eine Unterteilung in Kranken- und Altenpflege gibt es im Studium nicht, wer sich spezialisieren möchte, muss noch einmal ein Jahr an das dreijährige Studium anhängen. Auch eine Promotion ist nach dem Studium möglich, diese dauert noch einmal bis zu vier Jahre. Pflegekräfte sehen sich hier nicht als unterstützende Heilkräfte, die den Ärztinnen und Ärzten zuarbeiten, sondern als eigenständigen Teil des Gesundheitssystems, der auf einer Stufe mit Ärztinnen und Ärzten steht.

Die Akademisierung der Pflege ist in Deutschland trotz der Reform der Pflegeberufe praktisch nicht existent – und das, obwohl es zahlreiche Möglichkeiten gibt, Pflege zu studieren. Dass das Pflegestudium hier keinen Anklang findet, ist nicht dem Angebot zu schulden, sondern den fehlenden Anreizen: Ein Studium bietet nur wenig Vorteile gegenüber der Ausbildung, welche zudem noch bezahlt wird. Um mehr junge Menschen dazu zu bewegen, ein Pflegestudium aufzunehmen, müsste zunächst einmal die finanzielle Situation verbessert werden – einerseits während des Studiums, aber auch für die weitere Karriere. Dafür müssten Stellen geschaffen werden, die dem akademischen Hintergrund der Pflegekräfte gerecht werden und diesen unter Umständen sogar mehr Befugnisse zugesprochen werden.

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